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Festival del film Locarno 2012

65° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2012. L: Olivier Père.
Locarno, 1. – 11.8.12
03

Weitgehend zahm

Von Christine Dériaz Nach mehr als der Hälfte der Festivaltage kann man feststellen, daß die Auswahl dieses Jahr eher zahm und lieblich ausfällt. Und auch wenn die Kinos trotz Badewetter voll sind, bleibt der ganz große Enthusiasmus aus – schade!

Tag sechs bietet eigentlich nur zwei erwähnenswerte Filme, einerseits der neue Film von Ursula Meier L'enfant d'en haut, der auch schon in Berlin gelaufen ist. Eine wirklich berührende Geschichte, situiert am Fuß eines teuren Skiorts, wo ein kleiner Junge mit seiner großen Schwester lebt, und sich mit Diebstählen und Verkäufen von Ski und Zubehör durchschlagt, während die Schwester sich mit wechselnden Typen trifft, und sich weiter um nichts kümmert. Die Spannung zwischen beiden Figuren oszilliert zwischen Liebe und Haß, der Kleine versucht alles, um die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Schwester zu erlangen, während sie versucht, sich aus dem Geflecht von Armut, Verantwortung und Verzweiflung zu befreien. Starke Geschichte, überzeugend gespielt.

Auf der Piazza dann Camille redouble von Noëmie Lvovsky, eine rasante Science Fiction Liebeskomödie. Die 40jährige Camille, deren große Liebe zerbrochen ist, die zu viel trinkt und die sich in ihrem Leben nicht mehr zu Hause fühlt, wacht nach einem Blackout als ihr 16jähriges Selbst wieder auf. Statt ihr jüngeres Alter Ego mit einer jungen Kollegin zu besetzten spielt Regisseurin und Hauptdarstellerin Noëmie Lvovsky diese Rolle selbst, mit viel Mut zur Lächerlichkeit – immerhin läuft sie in weiten Teilen des Films in den Klamotten eines Teenagers aus den 1980er Jahren rum. Camille versucht, ihr Leben in der Vergangenheit zu modifizieren, um dem Schaden, den sie in der Gegenwart erlebt, zu entkommen. Ihr Eingreifen in der Vergangenheit bewirkt allerdings im Ende »nur« eine veränderte Sicht auf ihr Leben. Eine originelle Variante zu einem alten Filmthema, leichtfüßig, sympathisch und lustig erzählt.

Mißlungen, auch wenn eventuell die politische Absicht gut war, ist Wo hai you hua yoa shuo (Wenn es Nacht wird) von Ying Liang. In pseudodokumentarischem Stil werden die Versuche einer Mutter gezeigt, die bevorstehende Hinrichtung ihres Sohnes zu verhindern. Die Bilder extrem statisch, aus uninteressanten Winkeln, die Darstellerin wie in Zeitlupe agierend und der Zuschauer allein gelassen mit einer Geschichte, die sich, zumindest in Europa, so nicht erklärt. Es bleibt also die gute Absicht auf grobe Ungerechtigkeiten im chinesischen System aufmerksam zu machen, das alleine macht aber keinen guten Film.

Tag sieben beginnt mit einem Dokumentarfilm: Stolen Seas von Thymaya Payne wäre spannend und interessant, wäre er nicht von Anfang bis Ende mit Musik zugedeckt! Die Entführung eines Schiffes durch somalische Piraten bildet den roten Faden. Mit Originalaufnahmen der Kaperung oder des Lebens an Bord während der Entführung, geschnitten fast wie Actionfilm, verwoben mit Interviews des Reeders, diverser Piraterieexperten und des somalischen Verhandlers bei der Entführung bietet der Film ein dichtes Bild dieses Problems, ohne Lösungen anzubieten oder zu bevorzugen, ohne Position zu beziehen. Das alles sind eindeutig die starken Seiten, wenn die Musik nicht wäre, die sinnlos unter (fast) Allem liegt, bei den Interviews die Verständlichkeit des (nicht immer guten) Englisch behindert, und im übrigen weder Bezug zum Film noch Logik in ihrer Positionieren erkenn läßt. Museum Hours von Jem Cohen gehört wieder in die Kategorie der Fast-Dokus und ist, bis auf einige Unsauberkeiten von Schnitt und Rhythmus, sehr gelungen. Ein Museumswärter des Wiener Kunsthistorischen Museums trifft auf eine Kanadierin, die in Wien strandet. Die Welt der Bilder, besonders der flämischen Meister, Wien durch die frischen Augen einer Fremden und Gespräche über Gott und die Welt ergeben ein zunehmend dichter werdendes, Bruegel-haftes Bild.

Altmännerträume in La fille de nulle part von Jean-Claude Brisseau überzeugt nicht, zu hölzern spielt Regisseur und Hauptdarsteller Brisseau, unerträglich die Schnitt-Gegenschnitt-Dialoge, jeder Satz ein Umschnitt. Das hat auch nichts mit extrem niedrigem Budget zu tun, interessanteres als Dialoge in Halbnahen läßt sich auch ohne Geld finden. Die zugrunde liegende Idee ist gut: älterer, alleinstehender Mann findet junge blutende Frau in seinem Treppenhaus, nimmt sie zu sich und ab da fängt es an, in seiner Wohnung zu spuken; seltsame Geräusche, plötzlich auftauchende Frauengestalten – großartig der Moment, wo plötzlich eine Gestalt mit einem Messer aus einer Kammer stürzt, woraufhin im Kino Zuschauer laut aufschrien – aber die Idee alleine macht das schlechte Spiel und den langweiligen Schnitt nicht wett.

Am Abend kreischende Mädchen und ein spitzbübischer Gael García Barnal, der nicht nur einen Ehrenleoparden bekam, sondern auch Hauptdarsteller des Films No von Pablo Narrain ist. Erzählt wird die Geschichte, wie die Werbekampagne für das »Nein« beim Referendum für oder gegen Pinochet, die Diktatur in Chile beendete. Um das historische Material nahtlos einbinden zu können, wurde der Film mit einer 1980er Jahre Ikegami gedreht. Das seltsam anmutende Format, die Schwächen in der Bildqualität, vor allem verglichen mit hochglänzendem HD Material von heute, werden bewußt genutzt, um eine Umbruchsituation auch in der Bildästhetik zu erzählen. Barnal ist gewohnt stark und die authentische Geschichte spannend. Der Film ist durchaus ein Anwärter auf den Publikumspreis sein.

Den bisher stärksten, ungewöhnlichsten und auch radikalste Film gab es an Tag acht zu sehen; Leviathan von Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel. Ein Dokumentarfilm übers Hochseefischen, auf einem Kutter gedreht, mit Bildern, die einen mal das Meer, mal den Kutter und dann doch eher die Fische sein läßt, der ein Chaos entstehen läßt, in dem man die dennoch sehr präzise Organisation von Chaos, in seinem naturwissenschaftliche Sinn, erkennt, der einem nicht erklärt wie Hochseefischen funktioniert, sondern das Erlebnis selbst vermittelt; zusätzlich eine starke Geräuschdramaturgie und: keine Musik! Zuschauern, die dazu neigen seekrank zu werden, ist der Film eventuell nicht zu empfehlen, ansonsten absolut großartig.

Große Verzauberung durch einen Kurzfilm auf der Piazza The black Balloon der Brüder Benny und Josh Safdie, ohne digitale Tricksereien sieht man die Begegnungen und Abenteuer eines schwarzen Luftballon in New York, verspielt, magisch und lustig. Eher uninteressant While we where here von Kat Coiro. Schöne schwarzweiss Fotographie, aber lahme Geschichte: er, Musiker, hat in Neapel zu spielen; sie, sehr junge Frau, hadert mit sich, der Welt und ihrem Leben und trifft auf Ischia, einen jungen Amerikaner. Endlose Passagen, in denen man die beiden frisch Verliebten beim Herumtollen auf der Insel sieht, untermalt von süßlicher Musik, bis dann, nach vagen Auseinandersetzungen mit dem Ehemann, die junge Frau alleine ihrer Wege geht. Danach dann lautes Hongkong Spektakel Motorway von Soi Cheang. Inspiriert von amerikanischen Autoverfolgungsjagdfilmen der 1970er Jahre, vermischt mit einen Hauch asiatischer Meister und Schüler-Story gibt es rasende Autofahrten durch Hongkong, zusammengehalten durch eine einigermaßen glaubhafte Krimigeschichte, als Mitternachtsfilm durchaus gut anzusehen. 2012-08-26 13:10

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