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Festival del film Locarno 2012

65° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2012. L: Olivier Père.
Locarno, 1. – 11.8.12
04

Letzte Runde

Von Christine Dériaz Tag neun, langsam werden Hirn und Augen bildwund, trotzdem, es wollen noch ein paar Film gesehen werden, zum Beispiel Polvo von Julio Hernández Cordón. 30 Jahre herrschte in Guatemala Bürgerkrieg, erst seit 14 Jahren leben die Menschen in Frieden und somit sind die Wunden, die nicht nur quer durchs Land, sondern auch quer durch kleinste und abgelege Dörfer gehen, immer noch präsent, weil dort weiterhin Täter und Opferfamilien zusammen leben (müssen). So auch ein junger, verstörter Mann, der wohl die Ermordung seines Vaters durch einen Nachbarn mitangesehen hat. Und so schwankt er zwischen absurden Selbstmordversuchen und immer gröberen Drangsalierungen des Nachbarn, während ein junger Journalist aus der Hauptstadt versucht, einen Film über Familien verschwundener Väter zu machen. Eine ruhige und dennoch sehr eindringliche Geschichte über Traumata, aber auch über die Unterschiede von Land- und Stadtbevölkerung, und den Wegen, die sie sich nicht nur kreuzen, sondern eine Form von Interaktion ermöglichen.

Einen eher beziehungsgestörten Mann zeigt der kanadische Film Tower von Kazik Radwanski. Auf die Dauer ist allerdings die stets unruhige Kamera, die um die Hauptfigur zu kreisen scheint und ihn aus nicht immer vorteilhaften Winkeln zeigt, etwas anstrengend. Was auf jeden Fall gut gelingt, ist dadurch eine Art Negativheld zu kreieren: der Typ ist einfach unsympathisch und bleibt es auch den ganzen Film hindurch; auf jeden Fall ein bißchen langatmig.

Vorletzter Abend auf der Piazza, ein Slasherfilm, genauer gesagt ein Schweizer Slasherfilm! Klingt eindeutig seltsam, funktioniert aber recht gut, sofern man nichts allzu Ernstes erwartet. Das Missenmassaker von Michael Steiner ist eine bonbonbunte Slasher-Groteske, in der nacheinander die zwölf zur Wahl der Miss Schweiz antretenden Missen auf einer idyllischen thailändischen Insel niedergemetzelt werden. Zwischen Zickenkrieg, einem Inselambiente wie in aus der Bacardi-Werbung und lautem Kreischen tobt ein Bösewicht in immer anderen Masken filmbekannter Meuchelmörder und Psychopathen hinter leichtbekleideten Mädchen her und sorgt so bei aller Spannung für absurde Komik. Auf keinen Fall sollte man diesen Film in einer anderen Version als der Schweizerdeutschen Originalfassung ansehen, auf hochdeutsch wird er zwangsläufig verlieren.

Tag zehn dann die Verleihung der Leoparden: Bei manchen Festivals hat man keinen der Preisträgerfilme gesehen, bei anderen wünscht man sich fast, man hätte sie nicht gesehen, um die Illusion zu behalten, die Jury hätte ein gute, weise Wahl getroffen.

Der goldene Leopard für La fille de nulle part ist einfach nicht nachvollziehbar, egal wie man es dreht und wendet. Es ist einfach weder innovativ noch spannend, hölzern zu schauspielern, Dialoge in Ping-Pong-Manier zu schneiden, ohne Tonmann zu arbeiten und dafür zum Teil miesen, weil übersteuerten Ton zu haben, da kann man noch so viel von kleinem Budget und vom Wunsch, filmische Normen zu brechen, reden. Ebenfalls nicht nachvollziehbar der Leopard für die beste Regie an Ying Liang für Wo hai you hua yao shuo. Erfreulich der FIPRESCI Preis für Leviathan selbst wenn man dem Film gerne einen Leoparden gewünscht hätte. Das Publikum der Piazza entschied sich für Lore und wählte damit einen guten, aber gefälligen Film, dessen Geschichte mehr hätte hergeben können.

Nach der Preisverleihung dann der letzte Film auf der Piazza, More than honey von Markus Imhoof, eine handwerklich saubere Dokumentation über Bienen, mit sehr, sehr schönen Nahaufnahmen (Attila Boa) der Bienen. Interessant und erschreckend, eine Bestandsaufnahme vom Berner Oberland über Kalifornien und China, vom alten kauzigen Alpenimker über den industriell arbeitenden Imker mit 15.000 Bienenstöcken bis hin zur Pflanzenbestäubung durch menschliche Hand, dort, wo die Bienen bereits verschwunden sind.

Abschließend bleibt die 65. Ausgabe des Festivals ein durchschnittlicher, zahmer Jahrgang, mit wenig Herausragendem und wenig Aufregendem. Viele Stars wurden geehrt, was mit der Zeit etwas inflationär anmutet. Immer wieder faszinierend in Locarno: die Massen Filmbegeisterter in den Kinos, egal ob bei Badewetter, am frühen Morgen oder zu Mitternachtsvorstellungen, sowohl »nur« Zuschauer als auch Filmschaffende, und diese Mischung macht, egal wie die Filme ausfallen, den Reiz diese Festivals aus. 2012-08-27 10:10

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