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100.000 Dollar in der Sonne

Cent mille dollars au soleil. F/I 1963. R,B: Henri Verneuil. B: Michel Audiard, Marcel Jullian u.a. K: Marcel Grignon. S: Claude Durand. M: Georges Delerue. P: Gaumont International, Trianon Films u.a. D: Jean-Paul Belmondo, Lino Ventura, Andréa Parisi, Gert Fröbe u.a.
115 Min. MGM ab 4.9.64

Bébel, der wahre Wüstenfuchs

Von Thomas Warnecke 1949 wird der 30-jährige Lino Ventura Europameister im griechisch-römischen Ringkampf, und in Paris versucht sich der 16-jährige Jean-Paul Belmondo als Boxer. Er gibt aber schnell wieder auf und läßt sich stattdessen bei einer Wanderbühne auf die Bretter schicken. Auch Ventura kann nicht mehr lange weitermachen: Eine Bauchverletzung beendet sein Ringerdasein. Genau 10 Jahre später treffen sie sich wieder – beim Film. Es ist 1959, das Jahr, in dem Fellinis La dolce vita und die Filme der Nouvelle vague das Kino dauerhaft verändern sollten, und Belmondo spielte dabei eine nicht geringe Rolle: die Hauptrolle nämlich in Außer Atem von Jean-Luc Godard.

Von da an ließe sich eine Geschichte des französischen Films schreiben, deren Mitte oder roter Faden Belmondo ist: Wie kein anderer nämlich ist er sowohl der Held vieler Filme der Avantgarde, von Godard bis de Broca, als auch des traditionellen Qualitätskinos, etwa in Henri Verneuils Ein Affe im Winter (1962) an der Seite des Schauspieler-Patrons Jean Gabin.

Um auf Ventura zurückzukommen: Er war bei seinen nur zaghaften Berührungen mit der Nouvelle vague das, was er in all seinen anderen Auftritten auch bis zur Perfektion dargestellt hat: ein Polizist in Louis Malles' Fahrstuhl zum Schafott (1957) und ein Gangster in Der Panther wird gehetzt von Claude Sautet, wo er – und hier schließt sich der Kreis – 1959 erstmals mit Jean-Paul Belmondo auf der Leinwand zu sehen ist.

Der zweite gemeinsame Film ist dann auch schon der letzte: 100.000 Dollar in der Sonne, Henri Verneuils amüsante Anverwandlung von Henri-Georges Clouzots Lohn der Angst (1952): Belmondo klaut bei einer afrikanischen Spedition, deren Chef kein geringerer als Gert Fröbe verkörpert, einen mit Waffen beladenen LKW, um die Fracht an der Grenze zu verscherbeln, Ventura und Reginald Herman folgen ihm über die Wüstenpisten, um sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern – im Unterschied zum Vorbild verzichtet Verneuil weitgehend auf dramatischen Tiefgang, doch neben Spannung und Humor bleibt noch viel Platz für eine große Darstellerleistung: Belmondos Draufgänger trägt schon alle Züge seiner späteren Actionhelden, doch hinter der Abgeklärtheit des lakonisch-zynischen Rauhbeins blitzt immer auch jugendlicher Übermut und Spieltrieb hervor.

Vielleicht liegt in dieser Beweglichkeit, diesem kaum zu bremsenden Verlangen nach Spiel und Präsenz der Grund, weshalb es nur zweimal zur Zusammenarbeit mit Lino Ventura kam und Belmondo überhaupt verhältnismäßig selten die Leinwand gemeinsam mit Stars seiner Größenordnung teilte, es sei denn, sie waren weiblichen Geschlechts: Weil er – wie bei seinen Stunt-Szenen – alles selbst machen wollte. Seine ständigen Grimassen, sein breites Grinsen sind Ausdruck einer unersättlichen Spielgier. Nicht umsonst ist in seinen Gangster in Außer Atem nicht nur der oft zitierte Bogart, sondern auch etwas von Marlon Brando und dessen Maßlosigkeit eingeflossen.

Der Preis für seine Gier war freilich eine gewisse Abnutzung seiner Figur beim Publikum, doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein, denn es überwiegt bei weitem der Glanz, den Jean-Paul Belmondo nicht nur mit seinen strahlend weißen Zähnen (und mittlerweile auch Haaren) dem Kino geschenkt hat, und deshalb ist es besonders erfreulich, den heute 70 Jahre Gewordenen noch einmal in der ausgezeichneten Gesellschaft der Herren Ventura, Fröbe und Blier zu sehen, wie sie einst dem Jungspund dabei halfen, im Wüstensand die Eierschalen hinter den Ohren zu loszuwerden. 1970-01-01 01:00
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