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Schießen Sie auf den Pianisten

Tirez sur le pianiste. F 1960. R,B: François Truffaut. K: Raoul Coutard. S: Claudine Bouché, Cécile Decugis. M: Georges Delerue. P: Les Films de la Pléiade. D: Charles Aznavour, Marie Dubois, Albert Rémy, Nicole Berger u.a.
82 Min. NF ab 25.11.60

Das Spiel von Liebe und Tod

Von Thomas Warnecke Auf den Pianisten schießt niemand. Wenn im Saloon die Fäuste respektive Stühle fliegen und Revolverschüsse knallen, klimpert er munter weiter. Wird das Treiben gar zu arg, versteckt er sich eben hinter seinem Instrument, doch eigentlich betroffen ist er von den Vorgängen nie. So kennen wir es aus tausend Westernfilmen und Lucky-Luke-Comics. Der Klavierspieler ist da – aber er tut nichts, außer eben Klavier zu spielen. Der Klavierspieler ist auch eine gute Metapher dafür, wie Hollywood die Kultur des Abendlandes degradierte: Die Tastenlöwen der Konzertsäle und Salons des 19. Jahrhunderts verbannte es von der Bühne ins dunkle Abseits vor der Leinwand, um die alte Kunst der Musik die neue, mächtigere des Kinos verzieren zu lassen. Schaffte ein Pianist es dann doch mal auf die Leinwand – siehe oben.

Genauso und doch wieder ganz anders ergeht es Charlie Kohler: Solange er noch Edouard Saroyan heißt, ist er ein aufstrebender Konzertpianist. Das Ende seiner Karriere ist nun nicht Hollywood, sondern seine Frau. Mit einem Seitensprung will sie seine Karriere befördern, erträgt die Schuldgefühle aber nicht und bringt sich um. Soweit das 19. Jahrhundert. Das Zwanzigste beginnt damit, daß er – jetzt Charlie – die Vergangenheit hinter sich läßt und als geschichtsloses Niemand seine pianistischen Fähigkeiten einer Pariser Vorstadtkaschemme zur Verfügung stellt. Hier gerät er alsbald in die kriminellen Machenschaften seiner Brüder und eine erneute Liebesgeschichte, die mit dem Tod endet - nicht mit seinem, siehe oben. Charlie setzt sich wieder ans Klavier.

Die Passivität, die Unfähigkeit zu handeln und zu kommunizieren – außer mit sich selbst – bestimmt das Leben Edouard-Charlies, und Charles Aznavour bringt diese melancholische Verinnerlichtheit vollkommen zum Ausdruck. Und so, wie sein Gesicht häufig als Spiegelbild zu sehen ist, spiegelt sich in seiner Figur auch ein wenig die Passivität des Kinozuschauers. Neben der nächtlich-poetischen Atmosphäre der Szenerie und den verwickelten Handlungssträngen ist diese Melancholie durchaus ein Teil der Reverenz, die Tirez sur le pianiste dem amerikanischen Film noir erweist. Hinzukommt, daß die Melancholie seit den Zeiten Albrecht Dürers als das Temperament des zugleich schöpferischen und reflektierenden Künstlers gilt, und als solcher bleibt in Erinnerung, der diesen Film gemacht hat: François Truffaut. 1970-01-01 01:00
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