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Dumm und Dümmer

Dumb and Dumber. USA 1994. R,B: Peter Farrelly. B: Bennett Yellin, Bobby Farrelly. K: Mark Irwin. S: Christopher Greenbury. M: Todd Rundgren. P: New Line Cinema, Motion Picture Corporation of America (MPCA). D: Jim Carrey, Jeff Daniels, Lauren Holly, Teri Garr, Karen Duffy, Mike Starr, Charles Rocket, Victoria Rowell u.a.
106 Min. Zorro ab 19.6.97

Einigkeit in Peinlichkeit

Von Martin Thomson Daß es eine Vielzahl dummer Filme gibt, wird wohl kaum einer bestreiten. Genauso wird jeder einmal die Feststellung gemacht haben, daß bei bestimmten Menschen die Toleranzschwelle dann doch irgendwann überschritten ist und dem Gegenüber nur noch das Prädikat »dumm« eingeschrieben werden kann. Wobei zu fragen bleibt, wo die subjektive Empfindung, die uns das Gegenüber als »dumm« wahrnehmen läßt, beginnt. Forrest Gump hatte diese Frage bekanntlich mit dem berühmt gewordenen Ausstoß, »dumm ist der, der Dummes tut«, beantwortet. Insofern können auch an und für sich gebildete Menschen, unabhängig von ihrer distinguierten Erscheinung oder ihrer terminologischen Geschultheit ungeheuer dumm sein. Und vielleicht können ja auch nur wirklich gebildete Menschen dumme Dinge in einer größeren Dimension verbrechen, während die Verbrechen der kleinen Dummen sehr häufig welche sind, die ihrem Motiv nach weniger auf bewußte Böswilligkeit als auf naive Unschuld beruhen.

Dummheit kann aber auch schnell zu einer griffigen Erklärung für unmoralisches Handeln werden, um die Dimensionen des Grauens, derer sich ein Mensch schuldig machen kann, zu verdrängen. Davon zeugt nicht zuletzt die Repräsentation von George W. Bush in den europäischen Medien. Mit einem Präsidenten, der in improvisierten Reden hörbar große Probleme mit der grammatikalischen Konstruktion seiner Sätze hatte, ließ sich zwar nicht seine Politik entschuldigen, aber sie nahm eben auch der seriösen Deutung ihrer Auswirkungen den Wind aus den Segeln. Anders als in Europa verdankte der 43. Präsident der Vereinigten Staaten seine Popularität in Amerika jedoch eben auch seinen peinlichen Auftritten.

Um dieses Phänomen zu begreifen, lohnt sich ein Blick in Dostojewksi Roman »Der Idiot«, in dem die Hauptfigur Myschkin als scheiternder Held entworfen wird, der aufgrund seiner Naivität tugendhaft erscheint. Dummheit kann also auch mit einer gewissen Form von Ehrlichkeit, Unverstelltheit und Wahrhaftigkeit gleichgesetzt werden. Was dann letztlich nicht nur acht Jahre Bush, sondern auch den Erfolg eines Films wie Forrest Gump (nicht zufällig parodiert daher wohl das Dumm und Dümmer-Plakat das von Forrest Gump) oder des Serien-Helden Homer Simpson erklären würde. Aus jenem Grund üben wohl auch in gewissen Cineastenkreisen Amateur-, Trash- und B-Filme eine so unwiderstehliche Faszination aus: Dumme Filme sind in gewisser Weise ehrlich, weil sie nur selten über einen doppelten Boden verfügen oder ihr Versuch, einen herzustellen, auf so charmante, weil direkt sichtbare Weise daneben geht.

Gleichwohl gibt es auch dumme Filme im großen Format, wobei sich nur schwer sagen läßt, ob ein Film von Michael Bay als dumm anzusehen ist, legt man den Fokus der Betrachtung auf den Wert seiner technischen Perfektion. Vielleicht ist ja ein Uwe-Boll-Film der Gleiches im kleinen Format zu kopieren versucht als »dumm« anzusehen, obgleich auch er seine Faszination der Tatsache verdankt, daß hier auf unreflektierte Weise die Sehgewohnheiten des Massenpublikums auf unverfälschte Weise offengelegt werden. Solche Filme lassen sich dann nur schwer als gelungene Filme im eigentlichen Sinne beurteilen, sie sind aus dem richtigen Blickwinkel heraus betrachtet aber häufig aufschlußreicher als das für eine intellektuelle Elite bestimmte Kino aus der Kunstnische.

Manche Filme wiederum fallen gänzlich aus diesem Muster heraus, was vor allen Dingen für die frühen Werke der Farrelly-Brüder gilt, deren Debüt Dumm und Dümmer zugleich das beste Werk aus ihrem Œuvre darstellt. Leichtfertig ließe sich der hier anzutreffende Humor auf ein paar plakative Lacheffekte reduzieren und aburteilen: Darunter fällt sowohl die mehrminütige Szene, in der einer der beiden Hauptfiguren aufgrund einer Überdosis Abführmittel unter lautstarker Begleitung von Flatulenzgeräuschen die Toilette im Anwesen seines Rendezvous »beehrt«, um letztlich festzustellen, daß die Spülung defekt ist, oder der nicht weniger berühmt gewordene Anblick von Jeff Daniels, wie seine Zunge von der Eisenstange eines Skilifts befreit wird. Ganz gleich wie man einem solchen Humor gegenübersteht: Dumm und Dümmer ist weit mehr als diese beiden Beispiele nahelegen würden, mehr als eine Aneinanderreihung von billig heruntergekurbelten Gags.

Die Qualität von Dumm und Dümmer besteht darin, daß die Farrellys den Einsatz von derart plumpen Einfällen gar nicht zu kaschieren suchen, sondern im Gegenteil, bis über ihre geschmacklichen Grenzen hinweg ausreizen. Ihr Einfluß im Komödiensektor ist daher gar nicht zu unterschätzen: Spätestens die Sperma-Szene aus Verrückt nach Mary hat es geschafft, eine geschmackliche Desensibilisierung des Publikums im Mainstreambereich zu etablieren – eine, auf die auch aktuelle Produktionen wie der eben angelaufene Brüno bauen. Was Dumm und Dümmer wiederum so besonders macht, sind jene unauffälligen Momente zwischen den Schockmomenten, die ihn von vielen Produktionen unterscheiden, die der Komödien-Porno-Strategie der Farrellys nachzueifern versuchten, indem sie sich lediglich auf ihren Kaka- und Pipi-Aspekt beschränkten.

Darunter fallen etwa Momente wie jene, in denen die alberne Grundstimmung plötzlich ins aufgesetzt Melodramatische kippt. Oder auch wenn sich Jim Carrey und Jeff Daniels Dialoge an den Kopf werfen, die auf eine außerfilmische Beziehung der beiden hindeutet. Der pointenverweigernden Rätselhaftigkeit dieser Ausstöße ist es zu verdanken, daß sich der Humor zwischen den Zeilen erst bei mehrmaliger oder beinahe unentwegter Sichtung erschließt. Etwas, das einem von den Simpsons-Staffeln aus der mittleren Schaffensphase bekannt vorkommt. In der Wiederholungsschleife verlieren die Folgen nicht ihren Reiz, im Gegenteil, sie werden mit jedem Schauen witziger. Aber auch thematisch sind Die Simpsons nicht weit weg von Dumm und Dümmer. Hier wie da wird mit den ureigensten Mitteln eines schwer erklärbaren und nicht selten sogar plumpen Humors der Vorzug der reflektiert unreflektierten Komödie vorgeführt, die dann mit South Park ihren Höhepunkt und Endpunkt erreichte.

Im eigentlichen Sinne »dumm« sind diese Produktionen jedoch nicht. Gleiches gilt im besonderen Maße für Dumm und Dümmer. Diese Filme sind weder unschuldig noch besonders naiv, sondern äußerst doppelzüngig, wenn nicht gar bösartig: Einmal stellen sie ihren niveaubefreiten Witz auf so explizite Weise aus, daß es sich dabei nicht mehr um einen humoristischen Fehlgriff handeln kann, was sie auf gewisse Weise unangreifbar macht (und ihre Kritiker als Spielverderber abstraft), und sie nehmen ihre Figuren in ihrer Unernsthaftigkeit so ernst, daß es zwischen ihnen tatsächlich zu glaubwürdigen Reibungen kommt.

Ist der von Jim Carrey verkörperte Lloyd eher die Dummenvariante des kindlichen und böswilligen Feiglings, handelt es sich bei seinem von Jeff Daniels gespielten Gegenpart Harry eher um die Variante des lethargischen Dummen. Beide eint die Glaubwürdigkeit in der physischen Darstellung ihres bloßen Auftretens: Irgendwo aus fernen Schulzeiten oder auch im gegenwärtigen Alltag ist man solchen Menschen schon mal begegnet. Die Harrys, die gefühlte Ewigkeiten benötigen, um eine simple Frage, dann meist noch falsch, zu beantworten. Die durch die Gegend starren, als würden sie nicht mal verstehen, daß sie überhaupt nichts verstehen. Die kaugummischmatzenden Lloyds ohne Rücksicht und Benehmen, die in der U-Bahn zwischen den Stationen ungeduldig auf ihren Sitzen hin- und herrutschen und lediglich draufloskichern, wenn sie Schaden angerichtet haben.

Und dennoch: Wie Dumm und Dümmer zeigt, verlieben auch sie sich. Auch sie verfolgen unrealistische Ziele, um dem naiven Glauben vom großen Glück näherzurücken. Genau wie die vermeintlich Schlauen. Und daß sie dabei Frauen, die sie gerade erst kennengelernt haben, zur Verabschiedung umarmen, als wären sie mit jenen schon seit Jahren liiert und ihnen anschließend »Goodbye, my Love!« nachsagen, um sich dabei in ihren Airbags zu verfangen, das macht sie wiederum zu Dummen, denen selbst die vermeintlich Schlauen in bestimmten Situationen nicht unähnlich sind. Einigkeit in Peinlichkeit. 2009-07-21 15:49
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