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Tatort

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Sonntag im Grünen

Mit ruhiger Hand (WDR/Köln, EA: 23.8.09)

Von Oliver Baumgarten Man möchte gar nicht wissen, wie viele Fernsehkrimis pro Woche ausgestrahlt, pro Monat ausgedacht und pro Jahr produziert werden, die das immer gleiche Schema des Whodunnit abspulen, die innerhalb von 90 Minuten mehr oder weniger charismatische Fernsehkommissare innerhalb eines strengen Formatkorsetts Mördern hinterherjagen lassen. Vom Standpunkt der Handlung aus sind diese Filme im Grunde also von vornherein todlangweilig, weil sie so gut wie niemals überraschen können (und vermutlich auch gar nicht sollen), weshalb es aus Sicht eines Autoren auch gar nicht viel Sinn macht, sich für einen Fernsehkrimi dieser Art eine besonders komplexe Handlung auszudenken. Die Schimanski-Tatorte etwa waren unter anderem deshalb so großartig, eben weil sie sich für den Krimi-Plot, den Whodunnit, überhaupt nicht interessiert haben, sondern vor dessen Hintergrund viel lieber spannende und vielschichtige Figuren gezeichnet und Beziehungsstudien erzählt haben.

Autor Jürgen Werner und Regisseurin Maris Pfeiffer haben das mit ihrem Serienbeitrag Mit ruhiger Hand, mit der sich der Tatort aus der Sommerpause zurückgemeldet hat, offenbar ganz genauso gesehen. Eine Handvoll Figuren, höchstens zwei ernstzunehmende Verdächtige und möglichst wenig Verstrickungen: Ihr Krimi kommt wirklich sparsam daher und kann sich wahrlich nicht vorwerfen lassen, zu verschwenderisch mit Handlung umgegangen zu sein. Im Gegenteil: Das Buch weist jenes perfekte Maß an Leerstellen auf, das ein geschickter Regisseur benötigt, um mit all den filmischen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Spannung und Atmosphäre aufzubauen, anstatt ständig dem zerrenden Diktat forteilender Handlung folgen zu müssen. Maris Pfeiffer nutzt diesen Spielraum sehr gut, weshalb ihr auch ein ausgesprochen überzeugender Beitrag des Kölner Tatorts gelungen ist. Und gerade das Kölner Franchise mit Ballauf und Schenk hatte mal wieder den Beweis seiner Existenzberechtigung nötig. Zu oft starben die Folgen zuletzt den Handlungsinfarkt, zu oft wurden die beiden Kommissarsfiguren in den Vordergrund geschrieben, obwohl der Hintergrund eigentlich durchgängig spannender war.

Der Erfolg von Mit ruhiger Hand ist im Grunde ganz einfach zu erklären. Die dünne, aber nicht flache Geschichte ist gut gespielt und vor allem: Sie ist durch die Bildgestaltung, durch Kamera und Montage, ungewöhnlich und stimmig erzählt. Benedict Neuenfels hat den Film durchgehend mit einer toll geführten Handkamera fotographiert, manchmal scheint es, als läge eine Art Weichzeichner auf der Linse, wenn die Dämmerung einen Nebelschleier aufweist oder wenn grelles Licht einen Schlierenkranz zieht. Einfallsreiche, fast etwas überraschende Schuß-Gegenschuß-Positionen findet Neuenfels und erlaubt sich immer wieder, mit seiner Kamera mal wegzuschwenken, aus dem Fenster zu starren oder Abseitiges zu beobachten, was Editorin Dora Vajda dankbar aufnimmt und in ihre teils dynamischen Jump-Cut- und Achsensprung-Montagen einbaut. Dazu hat nicht nur die Ausstattung für viel Grün im Bild gesorgt (Schenks Büro sieht aus wie ein Billardsalon), auch Neuenfels hat in fast jeder Einstellung einen grün gefilterten Scheinwerfer gestellt, der mal dezent, mal auffällig Gesichter und Szenerien in dichte Stimmung hüllt. Alkoholismus als zentrales Thema des Tatorts, dazu als Hauptfigur ein Chirurg inmitten seiner grünen OP-Welt – das alles umgesetzt in kaum merklicher Taumelkamera und Grünstich: Mit ruhiger Hand beweist, daß man das Fernsehen nicht neu erfinden muß, um einfallsreich, spannend und mit Atmosphäre visuell zu erzählen. 2009-08-24 09:56

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