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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Viel hilft viel

Um jeden Preis (BR/München, EA: 18.10.09)

Von Kyra Scheurer »Ein Idealist? Ein Idiot!« beschreibt ausgerechnet die überflüssigste Nebenfigur, die Schwester, ihren toten, schwulen, investigativen und selbstverständlich auch geliebten Journalistenbruder – und bringt so mal eben das Thema dieses »Tatorts« auf den Punkt. Das hat sie gut gemacht, denn der Zuschauer braucht ein bißchen Orientierung, geht es doch andererseits mal wieder gleichzeitig um alles, brennen die Herren Leitmayr und Batic in der ihnen eigenen gelassenen Art ein wahres Feuerwerk aktueller Bezüge ab: Da wird gegen Hartz IV gekeilt, die Globalisierung ins Visier genommen, der »Gewerkschaftsobama« gefeiert, sogar der dynamisch feuerrot gefärbten Boulevardtante geraten, als Korrespondentin nach Iran zu gehen, wenn sie täglich »wen baumeln sehen will«.

Denn baumeln, das tat der Tote unter der Brücke, verdächtig fachmännisch und vermeintlich selbst aufgeknüpft. Der Zuschauer weiß anhand des gelungenen Prologs, daß es sich tatsächlich um Selbstmord handelt, telefonisch kundgetan nur dem Falschen, dem Vater des unglücklich geliebten Gewerkschaftsbosses, eine fatale Verwechslung. Und dieser dramaturgischen Konstruktion, die den klassischen »Whodunnit« des »Tatorts« von vornherein ausschließt, dafür die Tür zum Familiendrama vorsichtig öffnet, neugierig auf das Innenleben der handelnden Figuren macht und für größtmögliche psychologische Fallhöhe sorgt, war es letztlich zu verdanken, daß Um jeden Preis die Balance zwischen Spannung und Unterhaltung halten konnte. Denn München wäre nicht München, wenn die Kriminalen nicht immer auch auf Pointenjagd gingen: Die Kommissare schwitzen auf dem Laufband beim Gesundheitscheck, sind, während die Spu-Si hart arbeitet, »gut zu Vögeln«, später ermitteln sie aneinander vorbei, doppelt oder auch mal gar nicht.

Nervig allerdings war »der Mann vom Austauschprogramm«, ein italienisches »living Klischee« als kollegialer Running Gag auf mediterran kurzen Beinen, die Mutter am Telefon, den WM-Gag auf den konstant in Trapattoni-Deutsch schwadronierenden Lippen. Das Kernteam aber – ein weiteres Mal das absolute Traumduo des öffentlich-rechtlichen Sonntagabends! Diese routinierte Selbstverständlichkeit, mit der Slapsticknummern auf frisch geputzten Gängen lässig unterspielt werden (»kann ich Dir denn mit nichts mehr ‘ne Freude machen?«), die Lakonie des eingespielten Schlagabtauschs, den Drehbuchautor Christian Jeltsch zu neuen Höhen trieb: »Liebe als Selbstmordmotiv? Ist das nicht viel zu romantisch fürs 21. Jahrhundert?« Achselzucken. »Nicht unter Männern vielleicht…«. Man mag sie, diese altvorderen Freunde und Helfer, von denen sich die currywurstabhängigen Kölner ruhig eine dicke Scheibe abschreiben könnten. Heimat sind sie längst bundesweit geworden, die Kommissare aus dem Süden, von denen immer gerne »der Ivo« persönlich in die Fälle involviert ist – so natürlich auch diesmal als Jugendfreund des von Thomas Sarbacher charismatisch verkörperten »Genossen der Bosse«. Stört aber gar nicht. Denn durch den Bezug zur Vergangenheit kann das eigentliche Thema, ob der Zweck die Mittel heiligt und ab wann beruflich bedingte menschliche Deformationen bedenklich sind, noch eingehender reflektiert werden. Nur wenn Batic die anderen Figuren alleine läßt, tönt es manchmal arg didaktisch: »Solidarität, das ist keine Parole!«, erinnert Vater Hans seinen Brioni-Leo, der dem Altrecken naseweis erklärt, die Bosse nenne man jetzt Tarifpartner. »Neue Ideen haben immer alte Gegner«, der neue Münchner Tatort stellt seine alten Fans zufrieden, und zukunftsweisend ist er auch – schneebedeckt als erdiges Wintermärchen behutsam Überraschungen vermeidend. 2009-10-19 09:12

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