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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Heiliger Bimmbamm

Tempelräuber (WDR/Münster, EA: 25.10.09)

Von Oliver Baumgarten Ein Mann wird überfahren. Als Kommissar Thiel am Tatort erscheint, wird die Leiche gedreht, und das Collarhemd eines Priesters kommt zum Vorschein. Kommissar Thiel pfeift durch die Zähne und raunt: »Heiliger Bimmbamm!« Schnitt. Wir sehen eine Reihe von Münsteraner Kirchen, auf der Tonspur erklingt das Bimmbamm lauten Glockengeläuts.

Willkommen in der Welt von Thiel und Boerne, in der es immer sehr launig zugeht, weil aus Prinzip kein filmischer, dramaturgischer oder dialogischer Gag ausgelassen wird, immerhin könnte er ja funktionieren. Bei Thiel und Boerne wird humoristisch stets scharf aus der Hüfte geschossen, da geht dann zwar schon mal was daneben, dafür wirkt’s immer spektakulär. Ausgeklügelte Dialoggefechte, abstruse Wendungen und viel Bimmbammbumm: Diese Art zu erzählen geht für die Münster-Tatorte schon seit Jahren perfekt auf, schafft sie doch eine so offensichtlich unrealistische Ebene, die eine Filmreihe ja wohl nötig hat, die regelmäßig von Mord und Totschlag in einer westfälischen Provinzhauptstadt erzählen möchte. Von dieser lästigen Pflicht der Authentizität nun aber befreit, lassen sich wunderbar überzogene Charaktere entwickeln, haarsträubende Geschichten erzählen und reihenweise Slapsticknummern abspulen, ohne daß man Gefahr läuft, an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Professor Boerne etwa in Tempelräuber: Der schöngeistige, arrogante, aber vor allem schlagfertige Gerichtsmediziner wird, als er oben erwähnten Priester retten will, ebenfalls angefahren. Fortan verbringt er den Rest der Episode mit beiden Händen in Gips, was natürlich im beschriebenen Sinne endlos ausgeschlachtet wird u.a. in einer Szene, in der er, die Hilfe einer Haushälterin ablehnend, trotzig versucht, mit einem Messer im Mund Brot zu schneiden – musikalisch unterlegt mit »So Lonely« von The Police. Das ist nicht gerade subtil, ehrlich gesagt ist das sogar ziemlich flach, insgesamt aber wirken die Münster-Tatorte mit all diesen Momenten im Vergleich zu den meisten anderen Ablegern trotzdem geradezu anarchisch – na ja, sagen wir: geordnet anarchisch – weil all das jenen von Axel Prahl und Jan Josef Liefers mit so viel Verve gespielten Figuren tatsächlich zuzutrauen ist. Sie bleiben innerhalb ihrer vollkommen unrealistischen Welt absolut authentisch.

Der Kollateralschaden dieser Art zu erzählen allerdings trifft jene Elemente der Erzählung, die eine realistische, eine ernstgemeinte Ebene transportieren sollen. In Tempelräuber ist es beispielsweise das Anliegen, auf das Schicksal von Kindern aus heimlichen Beziehungen von katholischen Priestern aufmerksam zu machen. Das funktioniert eindeutig weniger gut. Das Thema drängt sich wie ein Fremdkörper in die gepflegte Intimität der interagierenden Serienhauptfiguren von Thiel, Boerne, Alberich und Nadeshda. Hier dominiert das Serienprinzip im Übermaß: Drehbuch, Schauspieler und Regie haben so viel Lust an den Figuren, daß alles andere zu stören scheint. Das zeugt von guten Figuren und einem gelungenen Umgang mit den Anforderungen der Serialität. Die Behandlung seriöser Themen allerdings sollte man dann einfach anderen überlassen. 2009-10-26 11:20

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