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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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LKA-Tussi mit Bodenhaftung

…es wird Trauer sein und Schmerz (NDR/Hannover, EA: 15.11.09)

Von Tamar Noort Soviel Pathos war selten: Der Titel allein verheißt einen großen Sonntagabend. Es wird Trauer sein und Schmerz, das klingt nach Daphne du Maurier, nach einer Mischung aus Mystik, Melancholie und Pathos mit einem Schuß Poesie. Es klingt weniger nach einem bodenständigen Krimi, aber da Charlotte Lindholm an der Reihe ist, droht dieser »Tatort« niemals die Bodenhaftung zu verlieren. Charlotte Lindholm ermittelt nie zuhause in Hannover. Sie ist grundsätzlich die LKA-Tussi auf dem Lande, die sich in der störrischen Landbevölkerung erst Freunde machen muß, bevor sie den Fall lösen kann. Ihre Spezialität ist gerade die Bodenhaftung. Anders als die introvertierte Frankfurter Kollegin oder die starke, aber einsame Lena Odenthal aus Ludwigshafen hat Charlotte Lindholm keine getrübte Seele – sie macht einfach ihren Job, nimmt sich zwischendurch Zeit für ihr Kind und ihren Mitbewohner und streitet sich mit ihrer Mutter. Wenn eine Hauptkommissarin überhaupt eine Figur sein kann, die durchschnittlich genug ist, damit Frauen sich mit ihr identifizieren – voilà.

Wenn Charlotte Lindholm ermittelt, sind in der Regel große Emotionen im Spiel – und so paßt auch der pathetische Titel zu dieser »Tatort«-Ausgabe. Die meisten Krimis geben den Verwandten kaum Platz zum Trauern, wenn eine geliebte Person zu Tode kommt. Dabei stellt sich der Durchschnittsbürger, der sich Sonntagabend vor dem Fernseher einfindet, als erste Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen eher Trauer und Schmerz vor als die gefaßte, bleiche Sippschaft, die sich meist durch die Krimilandschaft tummelt. In Es wird Trauer sein und Schmerz spielen die Angehörigen die Hauptrolle – und ihr Schmerz wird immer größer, denn ihre Anzahl wächst. Während Charlotte Lindholm nach einer Verbindung zwischen den ersten Mordfällen sucht und sich von dem hoffnungslos verknallten Provinzkommissar helfen läßt, sterben die Menschen wie die Fliegen. So viele Leichen in einem »Tatort« sieht man selten. In der ersten halben Stunde könnte man sich gar in einem Thriller wähnen mit Serienkiller, Profiler und allem drum und dran – wenn da nicht die bodenständige Charlotte wäre. Die natürlich sofort geblickt hat, daß hier kein Sniper wahllos Leute erschießt. Sie holt die Geschichte immer wieder zurück auf den Boden, präsentiert fleißig mal hier einen Verdächtigen, mal dort – sie macht eben ihre Arbeit.

Trotz aller Menschelei im Hannoveraner »Tatort« ist Charlotte Lindholm auch die Kommissarin, die immer genau im richtigen Moment auf Distanz geht – und den Zuschauer mitnimmt. Sobald sich abzeichnet, daß die Angehörigen nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind, kippt auch die Stimmung des Zuschauers: die große Empathie, soeben noch beim Anblick des trauernden Ehemanns empfunden, der den Garten seiner Liebsten bestellt, gilt plötzlich dem Sniper, dem rücksichtslosen Killer. Die Emotionen der Kommissarin werden zum Gefühlsmuster für den Zuschauer – sie nimmt uns mit in ihre Welt und stellt bereitwillig ihre Emotionen zur Adaption zur Verfügung. Natürlich schaut Charlotte beim Täter im Krankenwagen vorbei. Wir alle wollen schließlich den Menschen noch mal sehen, dessen Taten wir zwar verurteilen, dessen Motive jedoch für den Durchschnittsbürger durchaus nachvollziehbar sind. Charlotte Lindholm ist die geschickte Trägerin und Lenkerin der Emotionen ihres Publikums – und sie hatte es am Sonntagabend stets auf ihrer Seite. 2009-11-16 10:02

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