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Leipziger Allerlei

Falsches Leben (MDR/Leipzig, EA: 6.12.09)

Von Christian Lailach Im Jahr der 20-jährigen Einheit hau'n wir richtig auf die Pauke, lassen's ordentlich krachen, schauen zurück, aber auch nach vorn, räumen auf mit alten Vorurteilen und überhaupt. Leipzig, eine der ambivalentesten Städte seinerzeit, ist prädestiniert für so etwas. Hier gab es die Mustermesse, internationales Publikum und ein aktives Rotlichtviertel. Das »Schaufenster der DDR« sollte schließlich dem gemeinen Imperialisten klar machen, daß er diese Schätze sozialistischer Planwirtschaft niemals erreichen wird. Doch hinter den Kulissen wurde auch hier abgerissen, was nicht in den Kram paßte. Während das internationale Publikum in Auerbachs Keller mit Goethe-Zitaten ruhig gestellt wurde, verschwand im Jahre 1968 die Paulinerkirche. Allen Protesten zum Trotz.

Polit'sches Detai' hin oder her, dem MDR is' nüschts zu schwer. So oder so ähnlich könnte die Losung gelautet haben, unter der Falsches Leben produziert wurde. Im Grunde wäre ein Spannungsbogen möglich gewesen. Doch warum einfach, wenn's auch schwer geht? Eine verkomplizierte Geschichte wird dann auch noch richtig verbaut. Wied, unsere Thekla Carola, ist die äußerlich grantige, verletzte, aber im Herzen doch so warme, liebevolle Theologin, Mutter und Kunsthistorikerin. Bezüge zu ihren einstigen Erfolgen sind sicher nicht beabsichtigt, doch offensichtlich. Vollkommen planlos taucht sie dann auf und verschwindet wieder. Sie versucht sich unter größter schauspielerischer Anstrengung in unsere Verdächtigtenliste einzuschleichen. Doch daraus wird nichts. Mutter Theresa, ähm, Thekla kann nicht böse sein, auch wenn sie den Kommissar ständig beleidigt. Der nimmt's gelassen, ist er doch der am überzeugendste am Set.

Ja, genau, auch das noch: am Set. Weil allen Dialogen, allen Bildern anzumerken ist, daß wir uns nicht in der Realität befinden, sondern in einem Drehbuch, scheint auch bei der Regie nicht viel Aktionismus an den Tag gelegt worden zu sein. Kommissarin Saalfeld ist – wie Wied – auch ständig schlecht drauf und starrt unentwegt bedeutungsschwangere Löcher in die Luft. Ihr Vater, der Volkspolizist, verstarb als sie 13 war; unter den Verdächtigen einer seiner ehemaligen Genossen, der frühzeitig den Dienst quittieren durfte und nun behauptet, der Staatsdiener Papa hätte auch mal zugetreten. Wie eigentlich alle Polizisten damals in der DDR. Sie verrennen sich in Vorurteilen und verlaufen sich in der Geschichte.

Bis schließlich alles verschwimmt. Hier eine Realität, die gute Vorlagen liefert. Da die Fiktion, die diese einfach verschmäht. Die Paulinerkirche wird in Leipzig nach dem Entwurf eines niederländischen Architekturbüros wieder errichtet. Neu, nicht alt, wie die Nachbarin in Dresden. Die Leipziger stellen sich der Diskussion, beschränken sich nicht auf blinde Wiedergutmachung. Auf fiktionaler Ebene bleibt Falsches Leben weit dahinter zurück, vermengt Historie mit ollen Kamellen und einer falschen, überzogenen Dramatik. Das Team Saalfeld/Keppler kann nicht auf ewig den flachen Ost-West-Konflikt führen. Ansonsten bliebe Kommissar Keppler nicht viel mehr übrig, als sich immer mehr in Wuttke zurückzuziehen, auszuharren und auf den Abend zu warten. Schließlich noch ein Partie Schach zu spielen mit Schmitz, dem Pensionswirt. Denn so funktioniert Ermitteln. Nebenbei erfahren, daß unser Zimmer damals verwanzt wurde; wegen der Westgeschäfte, Koko, Schaufenster und so. Und heute? Ach wo, winkt Schmitz ab, das ha'm w'r doch alles nach d'r Wende abjebaut. Sofort. 2009-12-07 13:38

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