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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Mein Name ist Hase

Wir sind die Guten (BR/München, EA: 13.12.09)

Von Kyra Scheurer Der erfahrene Ermittler Ivo Batic, gelernter »Fels in der Brandung«, weiß auf einmal nichts mehr. Weder erkennt er Kollegen Leitmayr, noch läßt er sich auf dessen penetrante Duzerei ein – Tabula rasa im Gehirn, der Arzt präzisiert die Diagnose zu »globaler Amnesie« und betont recht didaktisch, der störrische Patient habe wohl dem Tod ins Auge ins Auge gesehen oder sei kindheitstraumatisiert. Hat der Zuschauer sich – genau wie Leitmayr, der erstmal auch nichts glaubt und dementsprechend die Wände hochgeht – auf diese medizinisch eher obskuren Ausgangssituation einmal eingelassen, konnte ein spannender und teilweise sogar berührenden Tatort erlebt werden.

Weniger heiter als üblich, aber mit gewohnt raubeinigem Charme der Protagonisten, ermitteln der schwer angeschlagene Batic und der teilweise suspendierte Leitmayr schließlich im eigenen Kollegenkreis. Denn einen Mord gilt es nebenbei auch aufzuklären: Schnell hat sich die Lage zugespitzt, Ivo steht unter Mordverdacht an einer jungen Kollegin, mit der er vor Jahren anscheinend eine Affäre hatte. Mehrfach steht während der ungewohnt schnell vergehenden sonntäglichen 90 Minuten alles auf dem Spiel: die seelische Gesundheit von Batic, 20 Jahre Männerfreundschaft und mehrfach das Leben, meistens das von Batic. Daß Freund Franz sich da um den tapsigen Kollegen, der sich nicht einmal erinnert, daß am Tatort Handschuhe zu tragen sind, sorgt – klarer Fall. Daß er aber wie weiland Kaiser Franzl seine Sissi beständig »Ivo« ausruft – eher anstrengend. Insgesamt aber überzeugen die gewohnt gut aufeinander eingestellten Hauptdarsteller durch perfektes Timing und genussvolles Ausagieren der durch die Amnesie ermöglichten Feindseligkeiten im 20 Jahre alten Gefüge ihrer Freundschaft. Da zwingt Batic seinen Kollegen mit vorgehaltener Waffe, sich bis auf die Unterhose zu entkleiden, umgekehrt bereiten dessen Drohungen, ihm »den Arsch aufzureißen«, wenn er nur »markiert«, dann Batic nächtliche Alpträume.

Miroslav Nemec, durch den sich verschiedentlich in Hollywood bedienenden Plot eine Art »Agent Bourne an der Isar«, spielt seine neue Rolle eher leise, mit einer meist glaubwürdigen Mischung aus stiller Verlorenheit und wütendem Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Hier wurde Kameramann Volker Tittel ein tiefer Griff in die Trickkiste erlaubt, die alte Tante Tatort schwang sich streckenweise zu einer fast experimentellen Ästhetik auf, um die inneren Bewusstseinszustände des Herrn Batic äußerlich sichtbar zu machen. Ein bisschen mehr Vertrauen in das Spiel von Miroslav Nemec und etwas weniger visuelle Effekthascherei wäre vielleicht der bessere Weg gewesen. Auch die Episodenhauptrollen waren bis auf den kaugummiabhängigen Nervbolzen Michalik von der Drogenfahndung grandios besetzt: Der Vater der Toten, ein abgründig Verzweifelter aus der Asservatenkammer; Michael Mendl als facettenreicher Chefermittler Stolze, der mal väterlich, mal arrogant auftritt und immer einen Gegner auf Augenhöhe im klassischen Kampf der Krimivariante »unschuldig beschuldigt« bildet. Daß Stolze schließlich recht erwartbar zum Haupttäter avanciert, macht die gelungene Inszenierung des Kapellenshowdowns mit einer rein psychologischen Spannungsvariante im Duell Leitmayr-Stolze wett. Um es mit dem Titel der Folge zu sagen: Ja, Ihr Kommissare aus dem Süden, Ihr seid die Guten! 2009-12-14 09:17

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