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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Opas Deadline

Altlasten (SWR/Stuttgart, EA: 27.12.09)

Von Alexander Scholz »Man weint immer zwei mal. Einmal wenn sie kommt und einmal, wenn sie geht.« Die Institution Familie evoziert – muß sie dem Anspruch genügen, innerhalb eines Krimis sowohl heimelige Spießigkeit als auch eine dynamische Figurenkonstellationen zu bieten – gelegentlich Allgemeinplätze. Dabei kann es passieren, daß die beiden Kommissare, die in diesem Tatort eigentlich mithelfen sollen, ein konservatives Familienbild etwas anzubröckeln, sich plötzlich mit solchen Plattitüden über Schwiegermutters Besuch austauschen. Da es sich bei den Gesprächspartnern allerdings um die Stuttgarter Ermittler Lannert und Bootz handelt, sind solche Ausrutscher zwar vorprogrammiert, aber verzeihlich. Lannert hat Frau und Kind verloren, bevor er nach Stuttgart kam, und Bootz ist der rollenkonservative Familienmensch par excellence. Dementsprechend sorgt dieser für machohafte Ordnung und jener für das Flair des einsamen Wolfs, der sich die Empathie bewahrt hat, um ein guter Gesetzeshüter zu sein – als Single versteht sich. Um diesen gegensätzlichen Charakteren noch eine echte schwäbische Männerfreundschaft anzudichten, bedarf es eben der Schwiegermutter, Schwulenwitzen und der obligatorischen Tresenaussprache.

Insgesamt kommt die 750. Ausgabe der Tatort Serie etwas antiquiert daher. Umso erstaunlicher, daß selbst ohne aufreizend spannende Story über 90 Minuten keine Langeweile aufkommt. Diese ereilte den Zuschauer der vergangenen Ausgaben – besonders gerne bei den letzten beiden WDR Produktionen – eher aufgrund der unernsten Verarbeitung ernster Stoffe. Auch Altlasten droht zunächst bedrohlich in diese Richtung zu kippen, steht doch der Umgang mit alten Menschen und dessen Pflege über weite Strecken auf der Agenda der moralisch zu verhandelnden Themen. Um diesen Konflikt zu akzentuieren, werden der 84jährige Tote und seine, ihn überlebende Ehefrau konsequent in die Rolle von Opfern versetzt: Der heldenhafte Anwalt, der nur Opfer von Verbrechen verteidigte, ist selbst zur Beute der fiesen Zwei-Klassen-Medizin und seines vorgeblich hilflosen Arztes geworden, der sich nicht mal die Mühe gab, die Alzheimererkrankung der Frau zu diagnostizieren. Zum Glück (zumindest für die Serie) hat man im Ländle offenbar ein etwas entspannteres Verhältnis zu derlei Themen und läßt sich von ihnen nicht den Krimiabend verleiden. Es ist sowieso wesentlich interessanter den Kommissaren dabei zuzusehen, wie sie beginnen familiäre Typen zu spielen, um die unübersichtliche Lage in der Familie zu entwirren, in der irgendwie jeder verdächtig ist, den alten Patriarch mittels eines Giftcocktails im Kompott um die Ecke gebracht zu haben.

Während der Kollegin Lindholm eher unbeholfen ein Söhnchen in den Powerfrau-Arm montiert wird, beweisen die Kommissare aus dem Süden in diesen Szenen, daß die Familie auch über den Zweck der Imagepolitur hinaus ein ergiebiges Motiv darstellt. Ständig werden in Altlasten Kinder gebeten, mal kurz in einem anderem Zimmer spielen zu gehen, damit die Eltern Zeit haben sich zu streiten oder anderen Erwachsenenkram zu erledigen. Ähnlich symptomatisch für die Erosion des trauten Nestes ist, daß die Familienmitglieder sich den Mord offensichtlich auch gegenseitig zutrauen. Sogar ein Motiv hat jeder: Die kranke Gattin hätte das bißchen Zuwendung gerne für sich allein, die Tochter hat keine Lust mehr, für die Pflege des Vaters die Karriere aufs Spiel zu setzen, der Schwager möchte die Kanzlei des Alten lieber heute als morgen übernehmen und mit schicken Gemälden behängen, und der Sohn wird von Andreas Schmidt gespielt – ist also ebenfalls sehr verdächtig. Die Idee, daß der Tote sein Schicksal vielleicht selbst in die Hand genommen haben könnte, vergessen dabei alle – sogar die Ermittler. Während diese nochmal mit knallharten Fragen wie »Haben Sie das Kompott zugerichtet – allein?« nachhaken, unternimmt die überlebende Ehefrau des Vergifteten längst den nächsten Selbstmordversuch. Soviel Selbstbestimmung hätte man den rüstigen Herrschaften gar nicht zugetraut. 2009-12-28 08:54

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