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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Nüßchen für den Scharfrichter

Weil sie böse sind (HR/Frankfurt, EA: 3.1.10)

Von Alexander Scholz Krimis fangen mit Morden an. Dabei ist es nicht unbedingt wichtig, ob Verbrechen und Täter gezeigt werden oder nicht. Die signifikante Spannung kommt nämlich dadurch zustande, daß in diesem Genre die Erzählung an dem »Detective« orientiert ist – gerade bei einem Format, das seine Serialität und seine Variation zum Großteil aus den unterschiedlichen Herangehensweisen der Kommissare bezieht. »The genre promotes suspense with respect to the twists and turns of the investigation and plays upon curiosity about the missing causal material« heißt es dementsprechend in David Bordwells Standardwerk »Narration in the fiction film«. Nun ist es keineswegs verwerflich, klassische Auffassungen der Narration aufzubrechen. Dem Zuschauer sollte in diesem Fall jedoch ein Substitut geboten werden, das trotz aller Innovation den Genrekonventionen der charaktergebundenen Spannungserzeugung genügen kann.

Weil sie böse sind sucht dieses Substitut in der Interaktion der handelnden Figuren – zu denen die Detectives offensichtlich nicht gehören – und deren Mordmotiven. Drehbuchautor Michael Proehl und Regisseur Florian Schwarz, die seit ihrer ersten Zusammenarbeit an Katze im Sack regelmäßig kooperieren, haben den Mut, dem prägnanten Spiel von Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki eine Story entgegenzusetzen, die ungewohnt wenig mit dem persönlichen Profil der Kommissare zu tun hat. Diese müssen allerdings trotzdem dafür herhalten, die Serialität des Formates zu betonen und zicken sich folglich über Gebühr wegen einer bevorstehenden Beförderung an. Weil auch Staatsanwalt Dr. Scheer zum festen Ensemble der Frankfurter Ermittler gehört, darf er gewohnt nonchalant Kommissarin Sänger anbaggern und ihr schon einmal großzügig anbieten, bald die Grand-Dame der Mordkommission zu werden. Natürlich vergisst er dabei nicht, neckisch die gustatorischen Fähigkeiten des Hauptkommissars Dellwo bei der Straßenerkennung zu würdigen, der seine Arbeit in dieser Folge lederbejackt mit Hilfe seines Motorrades verrichtet – mit stilechtem continuity editing auf galoppierende Pferde subtil untermalt. Kaum ist er von seinem Ofen gestiegen, bestätigt eine mögliche Zeugin den Verdacht des Zuschauers: »Klingt nach Klischee, ist aber so.« Es ist allerdings nicht nur der durchweg hölzerne Schnitt, der diesen Nebenschauplatz überflüssig erscheinen lässt: Wenn dem Zuschauer schon für die übernächste Folge ein Ulrich Tukur als hessischer 007 angekündigt wird, fällt die Begeisterung für Kompetenzgerangel bei den scheidenden Ermittlern eher gering aus, solange man nicht die boulevardesken Spekulationen über das Verhältnis der beiden Schauspieler in diesen Szenen reflektiert sehen will.

Die Voraussetzungen, die in Weil sie böse sind geschaffen werden, sind also bei den Konventionen des Genres denkbar ungewöhnlich: Unter dramaturgischer Vernachlässigung der normalerweise tragenden Ermittlercharaktere ist der Täter der Morde jederzeit bekannt. Das Regelwerk des Krimis jetzt so zu variieren, daß noch etwas Fruchtbares dabei herausspringt, bedarf Raffinesse. Im Gegensatz zum letzten Tatort aus Stuttgart kann die hessische Ausgabe aber über die Figurenkonstellation allein keine Spannung, geschweigedenn eine unterhaltsame Erzählstruktur aufbauen. Die Figuren und das Schauspiel, das sie zum Leben erweckt, sind maßlos überzogen und unglaubwürdig: Rolf Herken hat einen Nachnamen, dessen Anagramm Henker ergibt und hat außerdem herausgefunden, daß die Familie Staupen schon immer böse war. Er selbst hat im Leben wenig Glück und fordert eine Ausgleichsleistung für seine einst geknechtete Familie. Er erntet Hohn und ermordet den reichen Patriarchen. Den Sohn desselben erfreut dieser Umstand und er sieht sich dazu veranlasst, Herken immer wieder als Mordwerkzeug gegen seine Verwandtschaft zu instrumentalisieren, weil diese ja so böse ist und ständig – wie er selbst – hilflose Menschen für ihre unlauteren Zwecke instrumentalisiert. Das Ganze ist natürlich eine moralische Zwickmühle, die in der Börsenstadt Frankfurt folgerichtig nicht ohne Verweis auf die aktuelle Finanzkrise und die angebliche Ethik der Verursacher auskommt. Staupen ist übrigens auch ein Anagramm – von Peanuts. Zur weiteren Interpretationshilfe läuten aus defekten Kaffeeautomaten rollende Münzen entscheidende und hemmungslos konstruierte Wendepunkte ein. Zum Schluß zerschellt ein hässlicher Sportwagen an einer spontan erscheinenden Betonmauer. In ihm saß derjenige, der ein menschliches Werkzeug für seine Mordlust benutzte, gemeinsam mit derjenigen, die dramaturgisch nicht mehr als ein Werkzeug darstellte. Eine der wenigen geglückten Metaphern dieses Tatorts: Mit dieser Herangehensweise setzt man Figuren und Inhalt unschön an die Wand. 2010-01-04 15:26

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