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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Komm zurück, Schimi!

Klassentreffen (WDR/Köln, EA: 10.1.10)

Von Kyra Scheurer Der Titel Klassentreffen mitsamt der Ankündigung, Kommissar Ballauf träfe seine Jugendliebe auf selbigem und werde fortan des Mordes an ihrem Gatten verdächtigt, ließ vorab auf die Tatort-Variante eines klassischen Thriller-Musters schließen: Möglichst kontrastreich angelegte Figuren, hohes Konfliktpotenzial dank unbeglichener Rechnungen aus der Vergangenheit, klare Rollenaufteilung dank Funktionsweise einer Klassengemeinschaft, engmaschiges Beziehungsgeflecht und hohes Geheimnispotential, weil man sich lange nicht gesehen hat – dazu dann oft eine bedrohlich enge räumliche Situation, aus der sich nach dem Mord keiner verabschieden kann, gerne kommt es hier zum Massensterben oder der Protagonist wird ebenso klassisch »unschuldig beschuldigt«. Daraus wird dann oft dank abwechslungsreicher und dreidimensionaler Figurgestaltung trotz der Vorhersehbarkeit vieler Elemente ein spannungsreiches Erfolgsrezept. Nicht so aber beim Kölner Tatort, der letztlich eine Ruhrpottermittlung wurde mit Tendenzen zum Werbefilm für die gerade eröffnete Kulturhauptstadt 2010. Das öffentlich-rechtliche Lehrstück in Sachen Crosspromotion zeichnete sich auch in anderer Beziehung vor allem durch pädagogisch erhobenen Zeigefinger aus: Herr Ballauf, bald 50, hat aus seinem Leben nichts gemacht, keine Frau, keine Familie, nicht mal mehr Kanada und immer nur Currywurst mit Bier – entsprechend folgt die Sinnkrise beim Klassentreffen mit denen, die »ein normales Leben haben« samt gemeinschaftlichem Schwelgen in Konjunktiv und Bett mit der einstigen großen Liebe und zukünftigen Hauptverdächtigen.

Nach zähen 90 Minuten dann so sicher wie das Amen im Dom das versöhnliche Ende, demnach der Max auch dem Freddy seine Familie ist und da dann mit kochen darf. Geht’s noch? Der x-te Versuch, Klaus Jürgen Behrendt »arm dran aber sexy« als entwurzelten Frauenhelden in der Midlifecrisis zu zeigen: langweilig. Die running gags um das Fahrzeug der Ermittler und die ewige Currywurst: verbraucht. Die Dialoge: wie so oft im Kölner Tatort unglaublich hölzern, didaktisch und vor allem – zu lang! Die Schauspieler: Da ging der Riss mitten durchs Ensemble. Martin Brambach glänzte als authentischer Bauleiter mit den wenigen wirklich witzigen Momenten, Catrin Striebeck spielte verzweifelt gegen dialogische Plattitüden an und auch Jasmin Schwiers konnte überzeugen. Andererseits gab es da aber auch einen unter Daily-Soap-Niveau agierenden Textaufsager, der Schenk und Roth in der Pathologie belehrte, die eher weniger großen fünf Tatortminuten eines Anrheiners, zwei klischeetypische Akzentrumänen und vor allem die Essener Kommissarin Vossbeck, von Angelika Bartsch irgendwo zwischen hyperaggressivem Katzenmaki und Möchtegernmarlene angelegt. Selten hat man Schimanski so schmerzlich vermisst!

Und doch kam frischer Wind in die verstaubte Folge durch eine weibliche Ermittlerin: Denn Franziska, hinter dem Siebengebirge, bei den Kölner alten Männern, mausert sich ganz ordentlich. Von ihr wird man hoffentlich in Zukunft mehr sehen. In Sachen Plot hingegen wäre weniger vielleicht demnächst mal wieder mehr: statt der zwei Morde, zwei Ermittlungsteams und schließlich zwei Täterinnen vielleicht doch im Sinne des guten alten Erfolgsrezepts »Klassentreffen« einfach interessante Figuren mit ausreichend Zeit, ihre Geschichten zu erzählen. Echte Konflikte statt küchenpsychologischer Anti-Midlifecrisis-Weisheiten. Denn die interessanteste Frage dieses Tatorts blieb letztlich unbeantwortet: Was eigentlich ist schief gegangen im Leben der arbeitslosen Klassenkameradin Sonja Dubinski? 2010-01-11 12:50

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