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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Klassengesellschaft

Hilflos (SR/Saarbrücken, EA: 24.1.10)

Von Alexander Scholz »Das macht doch alles keinen Sinn«, bemerkt Kriminalhauptkommissar Kappl bei der Tatortbesichtigung treffend und hat damit das zentrale Problem dieses Krimis auf den Punkt gebracht. Zur kriminalistischen Aufklärungsarbeit gehört nämlich immer auch die Suche nach der Motivation des möglichen Delinquenten. Das Ziel dieser Suche ist es, die Zweckmäßigkeit einer Straftat für den Verdächtigen herauszubekommen und fortan dahingehend ermitteln zu können. An dieser Stelle fördert das Handeln der Gesetzeshüter zuverlässig eine interessante Unterscheidung zutage – die zwischen Sinn und Zweck. Gerade die meist eher harmlos wirkenden Saarbrücker Ermittler können sich von der Torheit freimachen, einen Mord als sinnvoll zu erachten. Trotzdem gehört es zu ihrem Beruf, genug kriminelle Empathie mitzubringen, um sich ungefähr vorstellen zu können, unter welchen Bedingungen ein Mord durchaus einen Zweck erfüllt.

Zu Beginn dieses Tatorts stehen die beiden Kommissare allerdings mit leeren Händen da: So wirklich hat offenbar niemand etwas davon, daß David Kullmann tot ist und der Hauptverdächtige ist nicht der Typ, der sich an Gesprächen oder gar Zwecksuchen beteiligt. Ist Tobias Rothgerber, immerhin der beste Freund des Opfers, nur geschockt oder hat er gar etwas zu verbergen? Die beiden Schüler waren Außenseiter in ihrer Klasse und wurden systematisch diskriminiert. Während dieser Umstand für die Lehrer der Gesamtschule mehr ein Grund zum Wegsehen als zum engagierten Handeln ist, versuchen Kappl und Deininger den übriggebliebenen Außenseiter zu verhören und näheres über das Opfer und den möglichen Täter zu erfahren. Tobias ist aber nicht besonders redselig, was den beiden Ermittlern die Möglichkeit geben würde, ihren angenehm normalen, aber dadurch auch unangenehm blassen Charakteren ein wenig Farbe zu verleihen. Siegertyp Kappl macht auf böser Cop – Zweitplatziertertyp Deiniger ist der Gute. Beide sind mit dieser polarisierenden Rolle zumeist überfordert und dementsprechend mit der aufgesetzten Fragerei mäßig erfolgreich.

Daß sich die beiden zum Zwecke der Wahrheitsfindung überhaupt solch tradierter Rollenmodelle bedienen müssen, liegt aber hauptsächlich an ihrem Gegenüber. Tobias Rothgerber polarisiert auch, jedoch zunächst jenseits von Gut von Böse. Er reagiert nur auf das Drängen der Kommissare, wenn ihn neue Beweise dazu zwingen und treibt ein perfides Spiel mit seiner Umwelt, dessen Sinn nur ihm selbst zugänglich sein dürfte. An diesem Spiel beteiligt Tobias nicht nur die Beamten: Wir sehen den mutwillig verunstalteten Schönling in der für ihn fremden Umgebung eines Villenviertels den Erstplatzierten der Klasse besuchen und sich offensichtlich in seine Welt drängen. Jonathan kann das Aufkreuzen des Prekariatskindes gegenüber seiner besorgten Mutter gerade noch mit seiner Rolle als Klassensprecher entschuldigen, in Tobias Besuchen jedoch auch keinen tieferen Sinn erkennen. Die offenbar als natürlich akzeptierte Hierarchie der Schulklasse umzukehren und dabei noch die Kontrolle über den Verlauf einer Mordermittlung zu haben, geht hier zwar als Motiv durch, kann aber das Handeln der Figur auch nicht hinreichend erklären. An der komplexen Figur des Tobias Rothgerber wird die Allegorie der Jugend als Sinnsuche durchexerziert, ohne ein fassbares Urteil über diesen Lebensabschnitt zu formulieren. Allein die Beobachtung der Determinanten, die die Welt der Jugendlichen flankieren, dürfte manch einen Zuschauer so sehr schockiert haben, daß eine klare Haltung zu diesen Umständen vielleicht zu viel des Guten gewesen wäre.

Kappl und Deininger bleibt in diesem Tatort allerdings nicht nur die undankbare Aufgabe, sich bei ihrer Zwecksuche in völlig fremde Gedankengänge hineinzuversetzen. Sie funktionieren als Beweis, daß die Rollentypen einer Schulklasse nicht auf die Schulzeit beschränkt sind. Das Konfliktpotential, das sich daraus ergibt, wird in einer lautstarken Auseinandersetzung der beiden auf die Spitze getrieben. Kappl wirft Deininger vor, sich wegen seiner latenten Sonderlichkeit auf die Seite der Schwachen und Benachteiligten zu schlagen. Deiningers Konter ist lautstark und beinhaltet den wertvollen Ratschlag nach der Verköstigung von Dreck. Beide sind aber kurz darauf wieder soweit emotional geordnet, daß sie wieder funktionieren und sich wichtigeren Dingen zuwenden. Die mäßig subtile Botschaft dabei ist klar: Lieber mal auf den Tisch hauen, bevor man seelisch so verlottert ist, daß man Beerdigungen nur noch besucht, wenn man dafür Mathe frei kriegt.

Den gefühlsgetriebenen Figuren wird dementsprechend auch eine recht sachliche Art der Erzählung entgegengesetzt. Der Tatort ist proleptisch geordnet und wird teilweise durch das Voice-over von Kappls Protokoll des Ermittlungsverlaufs begleitet. Leider wird diese kreative Entscheidung nicht wirklich pointiert eingesetzt, sondern ist vielmehr eine narrative Spielerei, die hin und wieder eingesetzt wird. Das ist schade, weil das sachliche Protokoll noch viel mehr die Diskrepanz von Sinn und Zweck im Verhalten der Charaktere hätte herausarbeiten können. Stattdessen beweist Kappl seine auktorialen Fähigkeiten und nimmt Tobias' apathischen Blick an die Zellendecke in sein Werk auf. Er ist eben ein guter Polizist: Die Erfahrung der Ausweglosigkeit, dessen Ausdruck Tobias leere Augen sind, war ja schließlich das Motiv für dessen Handeln. 2010-01-25 12:12

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