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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Emanzipationsgeschichten

Vergessene Erinnerungen (NDR/Hannover, EA: 31.1.10)

Von Christian Lailach Daß die Tatort-Kommissare jetzt auch öfter mal mit den weichen Drogen in Kontakt kommen, ist ja unlängst bekannt. Daß Lindholm aber auch mal gleich im LKW zwei Tönnchen Hasch, Dope, Marihuana – ein Gruß an alle älteren Zuschauer: Die nennen das zwar immer anders, gemeint ist jedoch jedes mal das gleiche! – durch die Gegend kutschiert, geht allmählich zu weit. Nicht wegen des Bio-Grases, sondern aus einem ganz anderen Grund.

Technisch traut sich der Tatort ja immer mal wieder etwas mehr zu als die gängigen Fernsehformate. Das geht mal gut, das nervt auch mal. Mittlerweile sind Jump Cuts auch nicht mehr der neueste Schrei und an den falschen Stellen, dazu noch vermengt mit allerlei anderen visuellen Effekten, ganz schnell am Rande des Ertragbaren. Wenn die Frau Kommissarin ihren Wagen an der Dorfeiche parkt und daraufhin mit schwummerigen, wild durch die Zeit springenden Bildern im Krankenbett neben einem wortgewandten Doktor erwacht, dann sind diese Effekte allesamt ganz gut geeignet, diesen Umstand zu stützen. Wenn sie dann aber eine Stunde später vollkommen unvermittelt an der Doppeltür des Gasthofs von Tür 1 zu Tür 2 springt, dann muß das nicht unbedingt sein. Auch wenn wir noch mal kurz erinnert werden wollen, daß da was war. Da können auf handwerklicher Ebene auch noch so lange Aufnahmen über dicht bewachsene Weizenfelder, die weite, ebene Flur und blaue Stunden nicht viel retten.

Jedoch viel nachhaltiger stört die eigentlich ganz stimmig anlaufende Geschichte, die, ob lauter Verstrickungen, die zu entstricken wahrscheinlich selbst die Autoren überfordern dürfte, mit einem unglaubwürdigen und plumpen Ich-konnte-die-nicht-leiden-Motiv erstickt wird. Daß der saubere Biobauer mit der niederländischen Kommissarin eine unterirdische Drogenfarm im schönen Emsland bewirtschaftet, während sein Bruder ominösen Gasgeschäften nachgeht und keiner, aber auch gar keiner in diesem winzig kleinen Dorf, in dem nicht nur jeder jeden kennt, sondern auch jeder mit jedem schon mal irgendwie zugange war; daß hier auch nicht ein einziger irgendetwas von all den überregionalen Machenschaften mitbekommt, das nagt schon an den Grundsätzen der Glaubwürdigkeit.

So verliert die schneidige Lindholm langsam ein wenig an Charme. Dies mag einerseits am Fall liegen. Doch das ganze Drumherum leidet ebenso schwer unter den Vergessenen Erinnerungen. Martin wird schon längere Zeit nur noch von A nach B bestellt, um ein wenig Fürsorge um Sohnemann David zu heucheln. Der darf hin und wieder mal auf den Arm der beschäftigten Mama, deren Handy dann wenige Sekunden später wie selbstverständlich klingelt, und schon liegt er wieder in der Ecke. Mit einem Malbuch. Schön ruhig gestellt. Daß er nun auch noch entführt wird, weil der verzweifelte Mitbewohner kurz mal nicht ganz bei der Sache ist, soll doch nicht etwa der Preis der Emanzipation sein? Nein! Jedoch kratzt es am Mythos Lindholm, wenn die verzweifelte Ermittlerin und Mutter ihren Sohn mit dem schon erwähnten Cannabis freikaufen muß und sich kurz vor dem finalen und zugleich rettenden Schuß des eigentlichen Bösewichts noch eine Träne herausdrückt. Eine Powerkommissarin muß zwar nicht unbedingt mit Kind auf dem Arm ermitteln, um dem neuen gesellschaftlichen Frauenbild zu entsprechen. Ebenso wenig macht es jedoch Sinn, das Ding wie eine Pizza zum Tatort zu beordern. Bleibt also zu hoffen, daß sich Frau Lindholm von der offensichtlich offensiven Emanzipation ein wenig emanzipieren vermag. 2010-02-01 13:38

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