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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Emanzipationsgeschichten II

Königskinder (RB/Bremen, EA: 7.2.10)

Von Christian Lailach Ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf und aus der nölenden, stets etwas angeschlagenen Kommissarin Lürsen wird die zahme, das Leben genießende Inga. Was anfangs noch etwas befremdlich erscheint, ist am Ende längst vergessen und niemand erinnert sich mehr so recht an den Sturz und das Knacken beim Wiedereinrenken der Halswirbel. Doch nicht nur Frau Kommissarin weiß mit neuem Charakter zu beeindrucken, auch ihr Gefährte Stedefreund zeigt Emotionen. Womit wir schon mittendrin wären.

Ein Einbruch im Erdgeschoß, Beischlaf eine Etage drüber. Sie gewürgt, er befreit sich, erschießt einen der Einbrecher, die anderen beiden flüchten. Die grundsätzlichen Zweifler spüren schon, daß da was nicht stimmt mit dem Bruch. Doch plötzlich steht da ein Stedefreund, schluchzend. Am Tatort, auf dem Präsidium, eigentlich überall. Schließlich war er während der Ausbildung mit dem Opfer zusammen, dessen Bruder und die Affäre und Sekretärin des Chefs, dem eigentlichen Ehemann der Toten, auch ein Paar. Das klingt alles ein wenig verstrickt, im Grunde ist das aber ein ziemlich überschaubarer Haufen an Tatverdächtigen, zumal nur noch eine osteuropäische Prostituierte irgendwas weiß. Aber auch nur noch, bis sie während der Geldübergabe auf der helllichten Promenade erstochen wird. Während also Lürsen sich noch immer in ihrem neuen Ich einrichtet, Orangen seziert und Stedefreund sehr offen mit seinen Gefühlen kämpft, passiert drumherum nicht viel. Irgendwie stört das nicht nachhaltig, weil klar ist, daß der Gatte oder dessen Sekretärin - aber auf keinen Fall beide - die Strippen gezogen haben müssen.

Daß in letzter Zeit ein kleiner Wettstreit um die Kommissare, deren Ausstrahlung und eigenes Ich ausgebrochen ist, wurde nicht erst mit Lürsens Treppensturz klar. Doch offensichtlich und eher selten ist, daß dabei der Fall beinahe unerkenntlich in den Hintergrund rückt, selbst die Figuren nur noch angerissen werden. Dies ist immerhin konsequenter, als die Geschichte mit unnötigen Details zu überfrachten und verkrampft mit der Lebensgeschichte der Kommissare zu verknüpfen, wie es andernorts doch schon häufiger passiert. Doch weder Spannung noch wirkliches Interesse für eines der Opfer mag da aufkommen, ein ausgesprochen hoher Preis, der hier für eine Umbruchphase gezahlt wird. Ob uns diese ganz zum Schluß einen neuen Tatort beschert, eine Generation, die sich primär den persönlichen Schicksalen der Kommissare widmet und die eigentliche Sache, die Täter, die Morde und Überfälle, zurück stellt, das bleibt offen. Dem Format würde dies sicherlich nicht stehen, zumal dem notwendigen seriellen Charakter die vielen verschiedenen Kriminalämter und Präsidien gegenüber stünden.

So bleibt zu hoffen, daß die Kommissare sich möglichst bald in ihren neuen Rollen einfinden, sich nicht allzu sehr von ihrer eigentlichen Aufgabe zu emanzipieren versuchen. Ermittler ohne Privatleben, das ging lange Zeit nicht gut, doch das Reziprok allein macht auch wenig Sinn. 2010-02-08 11:25

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