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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Wooden Heart

Absturz (MDR/Leipzig, EA: 14.3.10)

Von Kyra Scheurer Als englische Version von »Muß I denn« singt Elvis im Film Café Europa mit einer Handpuppe über gebrochene, weil eben nicht hölzerne Herzen. Mit dem gestrigen Tatort hat das zunächst einmal nichts zu tun – denn es läuft nicht dieser Song, als Martin Wuttke alias Keppler zur Erleichterung des Zuschauers nach einem endlos langen und musikdominierten Prolog brüllt »Macht endlich dieses Gedudel aus«. Einige Verbindungen lassen sich aber doch herstellen: Da ist zum einen Simone Thomalla, deren darstellerisches Können samt unverwechselbarer Mundmimik sicher einige Parallelen zum Filmschaffen des Kings zuläßt. Auch die Puppe ist insofern wichtig, als es wieder einmal in einem Leipziger Tatort um ein Kind geht, ein totes natürlich, so will es das immer gleiche Spiel mit der Backstory der beiden ehemals verheirateten Kommissare – wenn auch in diesem die Zuschauererwartungen oft gekonnt konterkarierenden Fall das Kind weder ermordet noch mißbraucht oder verwahrlost ist. Um ein gebrochenes Herz geht es dann allerdings ganz zentral: Das von Christian Peintner, dem Vater des bei einer Flugschau verunglückten Jungen, dargestellt von Matthias Brandt.

Brandt glänzt hier in seiner Paraderolle vom »traurigen Mann« zwischen Angst, Wut, Verzweiflung, Trotz, Schmerz und abgründigen Rachegedanken – das macht er zwar grandios, aber man hat das mittlerweile zu oft von ihm gesehen und wünscht sich, die Regie hätte hier manchmal weniger mehr sein lassen. Denn die Kamera von Peter Nix findet ganz wunderbare Bilder für die Trauer und das Unfassbare: Eine halbe Tasse Kakao, die Leere in der großen Wohnhalle. Und es hätte dann völlig gereicht, den verzweifelten Vater am nächsten Morgen zusammengerollt am Boden neben dem Bett des toten Sohnes zu finden und zu erleben, wie er sich entscheidet, dessen Fische nicht sterben zu lassen, sondern sie zu füttern. Dazwischen aber wird dann noch voll draufgehalten auf die Trauer, Herr Brandt tanzt ungelenkt, schwitzt, weint und so sicher wie das Amen in der Kirche folgt am Ende ein Schreikrampf. Schade, daß hier nicht in die eindrucksvollen, leisen Töne und Bilder vertraut wurde. Das Buch von André Georgi aber wagt eine Tatort-untypische Erzählweise und verzichtet nicht nur lange Zeit auf einen Mord, es stellt auch die Figur des Vaters bewußt ins Zentrum des Geschehens – gemeinsam mit dem »schuldlos schuldigen« Bruchpiloten, verkörpert von Jan-Henrik Stahlberg, ergibt sich ein Duo zwischen Schuld und Sühne, dem man gerne zuguckt. Daß am Ende keiner der beiden schuldig am eigentlichen Mord an Flugschaubetreiber Conzen ist, stattdessen der Schwager (Antoine Monot Jr.) erwartbar als Täter überführt wird, ist als Bruch mit Erzähltraditionen ebenfalls gewollt.

Eine dramaturgisch eher ungünstige Entscheidung war es sicher, die lange Anfangssequenz mit unbeschwert spielenden Kindern im Vergnügungspark samt erstarrendem Grinsen von Clowns in der Tradition amerikanischer Thriller zu inszenieren und damit die Zuschauererwartung in eine gänzlich falsche Richtung zu lenken – denn was folgte war in besseren Momenten psychologisch spannend und emotional berührend, über weite Strecken aber auch schlicht langweilig. Und hiermit sind wir bei der wichtigsten Parallele zu »Wooden Heart«: Absolut hölzern wurde leider agiert vom Ermittlerduo. Auch wenn Wuttke eindeutig der bessere Schauspieler ist und in Einzelszenen überzeugen kann – die Chemie im Duo stimmt einfach nicht. Als Dauerstänkerer nervt Wuttke leider ebenso wie Thomalla als Dauerbetroffene mit Lippenschurz und wenn er brüllt »Du gehst mir langsam echt auf die Ketten« klingt das ebenso hohl wie ihr »Blas Dich nicht so auf«. Im Gegensatz zum Schlagabtausch der Kollegen aus Köln oder München fehlen hier Glaubwürdigkeit und Timing, da kann auch ein gutes Drehbuch nicht gegen an. Denn, daß Dialoge auch anders gehen, zeigt die Sprache von Georgi und die Inszenierung von Torsten C. Fischer vor allem in den kleinen Szenen. Ganz nebenbei gesprochenen erklärt da die Frau des Piloten: »Das wird unser Zuhause. Seit drei Jahren schon. Das Geld von der Flugschau war fürs Badezimmer – ein Waschbecken für 'n totes Kind.«

Ein guter Anfang also war der Absturz und ein Vorum für weiterhin ambitionierte Drehbücher in Leipzig – und gerne auch psychologisch ausgerichtete Inszenierung, aber bitte mit Ermittlern, die das auch tragen können. Schön wäre also, wenn Frau Thomalla in Bälde summen würde »muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus«. 2010-03-15 11:38

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