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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Kinder machen nur Probleme

Kaltes Herz (WDR/Köln, EA: 21.3.10)

Von Gerrit Booms In einer heruntergekommenen Wohnung wird ein toter Jugendamtsmitarbeiter gefunden, getötet mit einigen Messerstichen. Es fehlen: Eine Tatwaffe, ein Mörder und ein Kind! Als plötzlich die Mutter vom Feiern hereinplatzt und den Kindsvater beschuldigt, wird den Kölner Kommissaren klar, daß das ein ganz schwieriger Fall wird – denn bei Kindern muß man vorsichtig sein. Soweit die Grundvoraussetzung für Kaltes Herz, einen erschreckend ersponnenen Tatort.

Die Autoren Peter Dommaschk und Ralf Leuther reihen ein kinderbezogenes Problemklischee ans nächste: hier die überforderte Jungmutter, die lieber trinken als mit der kleinen Klara spazieren ging, dort der ausgebootete Jungvater, der von seinem kläglichen Gehalt vom Bau die Alimente zahlt und dem in der Gartenlaube eines Freundes nur die Liebe seines Hundes geblieben ist. Später kommen dann dazu: eine drogensüchtige Prostituierte, Franziskas Schwangerschaft nach Karnevals-One-Night-Stand, eine jugendliche Ritzerin und eine Verfolgungsjagd, bei der der Polizistenoldtimer im vermeintlich entscheidenden Moment absäuft. Dann noch der gemeinschaftliche Selbstmordversuch eines Ehepaares und die plötzliche Nulllinie bei der Befragung am Krankenhausbett – um nur die unerträglichsten zu nennen.

Aber auch andere Ressorts versagen: Die Besetzung hat definitiv schon bessere Tage erlebt. Die Maske scheitert an Grundaufgaben wie Stichwunden und Tränen. Und das Szenenbild ist eine Zumutung: Während man die ständige Gegenüberstellung von Kellern (u.a. aus dem eingestürzten Kölner Stadtarchiv) und schlammigen Bauernhöfen noch als Kunstgriff rechtfertigen könnte, sind die Gestaltung von Wohnungen, Lauben und Krankenzimmern maximal zweitklassig. Obendrein parken da auf großem weiten Feld an den Bahngleisen noch drei Billigwohnanhänger, die perfekt rot ausgeleuchtet sind. So sieht ein Straßenstrich eben gerade nicht aus!

So ist die Kamera mit durchaus guten Ideen von Clemens Messow chancenlos. Und Regisseur Thomas Jauch scheint so überfordert mit den vielseitigen Mängeln, daß er zur Rettung auch vor Plagiaten nicht zurückschreckt. Denn, daß man mit Lou Reeds »Perfect Day« eine tragische Szene ironisch brechen kann, hat Trainspotting definitiv eindrucksvoller bewiesen.

Aber kurz zurück zur Geschichte: Während Ballauf und Schenk weiter an ihrem aufdoktrinierten Profil arbeiten müssen und in rauem Ton alles und jeden verdächtigen, entpuppt sich die Lage als ebenso undurchsichtig wie einfach. Das Kind wurde tatsächlich entführt, noch vor der Tat. Die hat ein Kollege aus dem Jugendamt begangen, um den Betrug bei der Unterbringung von Pflegekindern zu vertuschen. Die kindergeile Familie und die bereits erwähnte Prostituierte sind nur Randverdächtige, die wichtig sind, um überhaupt 90 Minuten lang Verdächtige zu haben. Und apropos Klischees: Natürlich fehlt nicht der finale Showdown, in dem sich jeder mal das Messer an die Kehle halten darf und an dessen Ende erwartungsgemäß das zwar laut aufheulende, aber eben tränenlose (s.o.) Geständnis des plötzlich entdeckten Mörders steht.

Wer hatte also am Ende Dreck am Stecken? Na klar, das Jugendamt. Schließlich will man ja auch mal echte Sozialkritik üben. Anstatt aber die Kinder und deren Lebensumstände in den Mittelpunkt dieses Tatortes zu rücken, hat das Autorenduo unzählige Pseudoprobleme konstruiert, die nur den einen Schluß zulassen: Kinder machen Probleme. Selbst, wenn sie noch gar nicht geboren sind. Daß Franziska sich erst pathetisch für ihr Kind entscheidet, um es wenige Minuten später zu verlieren, bleibt an dieser Stelle vor lauter Entsetzen unkommentiert.

Alles in allem ist Kaltes Herz ein Tatort, der den Zuschauer mit lauter ungeklärten Fragen zurückläßt: Dürfen zwei Polizisten entscheiden, wer das Sorgerecht verdient hat? Hat ein Auto wirklich mehr Seele als eine junge Frau nach der Fehlgeburt? Und wer hatte denn jetzt eigentlich das kalte Herz? 2010-03-22 09:53

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