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Tatort

Der Tatort im Ersten. Sonntag, 20:15 Uhr. Die Nachbesprechung auf Schnitt Online. Montag ab 9 Uhr.
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Das ist mein Laden

Glaube, Liebe, Tod (ORF/Wien, EA: 29.8.10)

Von Alexander Scholz Gespannt wie ein Flitzebogen ist vorerst nur der Flitzebogen zu Beginn dieses Tatorts. Dessen Spannung entlädt sich und der Pfeil fliegt punktgenau und im schönem Bogen ins Ziel. Eigentlich keine ganz so schlechte Allegorie für den Verlauf eines Krimis. Hauptkommissar Eisner kann diesem Geschehen allerdings wenig abgewinnen. Die mit diesem Sport verbundene Kontemplation ist dem bodenständigen Ermittler sowieso fremd. Da kommt es ihm ganz gelegen, daß sein Handy laut zu klingeln beginnt und er sich nach dem üblichen »Aha und wo?« in Richtung eines Wiener Vorortes aufmachen kann, um dort den Schauplatz eines Verbrechens zu besichtigen. So schnell wie sich dort das Wetter von dubios vernebelt zu eitel Sonnenschein aufklärt, sobald Eisner die Szenerie betritt, klappt es mit dem sich nun entwickelnden Fall dann schlechterdings nicht. Und das ist eigentlich bei dessen Komplexität ein wenig verwunderlich. Das Bild des Pfeils und des (Spannungs-)Bogens ist recht schnell überholt.

Glaube, Liebe, Tod legt stattdessen wesentlich mehr Wert auf das Umfeld des Opfers, in dem Eisner den Mörder vermutet. Dabei handelt es sich um die Sekte Epitarsis. In lockerer Anlehnung an Scientology ist die Zentrale dieser Sekte in einem modernen Glaskasten verortet, der den sonstigen Inszenierungen der Stadt in der Serie entgegensteht. Gerne werden deswegen in diesem Tatort dem sachlichen Abfotographieren jener Räumlichkeiten ein paar beliebige Blicke auf Wiener Sehenswürdigkeiten entgegengesetzt. Die Sekte selbst kommt dann als semireligiöses Heilsversprechen des Neoliberalismus daher. Der gängige Vorwurf an Sekten, sie wollten ihren Mitgliedern nur das Geld aus der Tasche ziehen, wird hier sowohl bedient als auch umgekehrt. Mit radikalem Egoismus und dogmatischer Selbstdisziplin soll hier die »Performance« jedes einzelnen verbessert werden: gute Statistiken für ein gutes Leben. Die Sektenchefin lebt den zugehörigen Narzissmus vor und dementsprechend lächelt in ihrem Büro ihr eigenes Konterfei vom Flachbildschirm, um die frohe Botschaft der Persönlichkeitsökonomie zu verkünden.

Bei seinen Ermittlungen stellt Eisner dann auch zuverlässig fest, was der Zuschauer schon immer über die bösen Wirtschaftsgläubigen wußte: Sie sind überall, sie manipulieren uns, sie spionieren uns aus, sie dringen bis in unser Privates vor und dort zerstören sie jede zwischenmenschliche Beziehung. Statt Werbesprüchen gibt es hier eben Dogmen. Fraglich bleibt allerdings, was die Anziehungskraft dieser Sekte wirklich ausmacht. Von religiöser Gemeinschaftlichkeit kann kaum die Rede sein, Effizienz ist dieser Truppe wichtiger als Kontemplation und von Jenseits ist zugunsten der Gegenwart sowieso keine Rede. Eisner kann die Attraktivität von Epitarsis genausowenig nachvollziehen. Mehr noch: Glaube, Liebe, Tod legt durch seine Darstellung des burschikosen Kommissars sogar nahe, daß dessen gesunder Menschenverstand wohl ausreicht, um sich auf »so einen Scheiß« nicht einzulassen – fraglich, ob es wirklich so einfach ist.

Wie meistens, wenn ein Tatort gesellschaftskritisches Terrain betritt, sind die Lösungen etwas leichter zu haben als es möglicherweise tatsächlich der Fall ist. Das liegt aber wohl eher am Format als mangelnder Weitsicht seiner Macher. Riskant bis langweilig wird das Unternehmen erst, wenn der eigentliche Fall beim Beleuchten des sozialen Panoramas so sehr ins Hintertreffen gerät wie hier. 2010-08-30 15:09

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