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Citizen Kane

USA 1941. R,B: Orson Welles. B: Herman J. Mankiewicz. K: Gregg Toland. S: Robert Wise. M: Bernard Herrmann. P: Mercury, RKO Radio Pictures. D: Orson Welles, Joseph Cotton, Dorothy Comingore, Agnes Moorehead, Ruth Warrick, Ray Collins, Erskine Sanford, Everett Sloane, Paul Stewart u.a.
119 Min.

Die Macht und ihr Preis

Von Sven Lohmann Es gibt eine Menge Filme, die gut sind. Aber von den ganz großen richtungsweisenden gibt es nur ein paar. Citizen Kane gehört dazu. Seit Jahrzehnten landet Citizen Kane regelmäßig auf Platz eins bei den obligatorischen Rankings der »besten Filme aller Zeiten«; daß keine noch so kondensierte Aufstellung der heiligsten Filmkühe ohne ihn kann, versteht sich sowieso von selbst.

Dabei hatte Orson Welles’ Sensationswurf zu Erscheinungszeiten durchaus so seine Probleme. Im zarten Alter von 26 Jahren debütierte Hollywoods damaliges Enfant terrible mit der Biographie des fiktiven Pressefürsten Charles Foster Kane: Nach dessen Tod recherchiert ein Reporter das Leben und die beispiellose Karriere des Titelcharakters – das Ergebnis ist das widersprüchliche Porträt eines Machtmenschen, der Reichtümer noch und nöcher zusammenträgt – und doch einsam bleibt. Fiktiv? Nun: War Kane auch eine erdachte Figur, so hatten Welles und Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz sie dennoch stark an Kanes realen Kollegen Randolph Hearst angelehnt. Dem mißfiel das Projekt so heftig, daß er auf juristischem Wege anstrengte, sämtliche Kopien des Films einstampfen zu lassen. Wenn ihm auch zumindest das zum Glück nicht gelang, so schaffte er es doch, Citizen Kane mit PR-Kampagnen in die finanzielle Erfolglosigkeit zu stänkern.

Dessen unbeschadet: Wenn Citizen Kane heute nicht mehr so revolutionär wirkt wie bei seinem Erscheinen 1941, dann deswegen, weil er fortlaufend kopiert wurde und wird, und heute Allgemeinplätze sind, was damals unerhört war. Welles vollbrachte hier das Kunststück, gewissermaßen unentwegt das Rad neu zu erfinden. Die Puzzlestruktur der Geschichte spiegelt er in einer aberwitzigen Vielfalt der Form und zaubert so immer wieder neue Ideen aus dem Hut: gespielter Dokumentarfilm im Spielfilm; Rückblenden; eine Neudefinition des Raums, der hier fast immer nach oben offen ist wie Kanes Machtstreben; extreme Kameraperspektiven; intelligente Spielereien mit Spiegelungen und Tiefenschärfe; schließlich eine rätselhafte Symbolsprache – und wie nebenbei ist Welles’ Erzählweise wunderbar straff.

Erstaunlich für heutige Verhältnisse ist aber auch, wie aufwendig produziert dieser geradezu experimentelle Einfallsfarbkasten ist. Citizen Kane protzt regelrecht mit einer Vielzahl von Schauplätzen, äußerst opulenten Kulissen und ausgefallenen Motiven. Bei alldem ist er aber niemals eitel oder prätentiös, sondern eher wie das Werk eines Künstlers, der sich mit einer gewissen Abgehobenheit seines Genies bewußt ist – und darüber, daß er sich auch mit ungewöhnlich hohen Ansprüchen nicht verhebt. Um das Maß voll zu machen, spielt Welles dann auch gleich selber Kane von seiner Jugend bis ins hohe Alter – überzeugend. Seine Wichtigkeit für die Filmgeschichte liegt bei Citizen Kane in der Vielseitigkeit seiner ehrgeizigen Neuerungslust: Er ist ein in so ziemlich jeder Hinsicht außergewöhnlicher Film. 2009-11-12 12:12

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