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Blow Up

Blowup. GB 1966. R,B: Michelangelo Antonioni. B: Julio Cortázar, Tonino Guerra. K: Carlo Di Palma. S: Frank Clarke. M: Herbie Hancock. P: Bridge Films. D: Vanessa Redgrave, Sarah Miles, David Hemmings, John Castle, Jane Birkin, Gillian Hills, Peter Bowles, Veruschka von Lehndorff u.a.
111 Minuten.

Vexierbilder

Von Susan Noll Ein junger, lässiger Mann geht in ein Trödelgeschäft und kauft einen alten Propeller, das riesige Überbleibsel eines Vehikels, das Träume schürt: auf dem Weg in den Himmel, eine Welt ohne Grenzen. Auch der junge Mann sucht etwas Unbegrenztes, etwas Anderes, das ihn nicht langweilt. Er ist Fotograph im hippen London der 1960er Jahre und frustriert von seinem Beruf, die Bilder von und der Sex mit den schönen Models können ihn nicht mehr glücklich machen. Alles ist zur reinen Oberfläche geworden. Lange konnte er sich damit arrangieren, nun aber reicht ihm dies nicht mehr. So macht er sich auf in die Stadt, bis er schließlich in einen Park gelangt. Ein Paar erweckt seine Aufmerksamkeit, er fühlt sich angezogen von der Unverfälschtheit ihres Verhaltens. Er beginnt zu fotographieren, bis ihn plötzlich die Frau bemerkt, auf ihn zugeht und die Herausgabe der Negative fordert. Der junge Mann jedoch gibt diese nicht heraus, und beim Entwickeln entdeckt er auf einem der Bilder, kaum zu erkennen, eine Leiche im Gebüsch. Darum vergrößert er das Bild mehrere Male, ändert den Ausschnitt, sucht mit einer Lupe und Gegenlicht nach weiteren Hinweisen für seine Vermutung. Und ist sich am Ende sicher, daß er unbewußt Zeuge eines Mordes geworden ist. Das Bild, eine grobkörnige Form dessen, was in ursprünglichem Zustand einmal einen Sinn ergeben hat, zeigt nichts mehr, aber im Kopf des jungen Mannes reift der Gedanke von der Zeugenschaft zu einer eigenen Realität.

Diese Realität wird von Michelangelo Antonioni in Blow Up permanent hinterfragt. Und erweist sich als Konstruktion eines äußeren Eindrucks, der sich ganz der Täuschung verschrieben hat. Die schöne Pop-Hülle bietet nichts außer Falschheit. Auf der Suche nach dem Kern, dem letzten wahren Gehalt, geht auch dieser verloren, weil er im Auge des Betrachters längst feststeht. Rückblickend schon eine Kritik an der Oberflächlichkeit und Vervielfachung in der Postmoderne, am Verlust des Inhalts, an der Umcodierung ursprünglicher Zeichen. Gleichzeitig eine Hinwendung zum Kino, das diese Elemente ganz klar für sich nutzt. Was Wirklichkeit ist und was Einbildung, verschwimmt auch in Antonionis dichten Bildern wie das Graukorn auf den Fotographien des jungen Mannes. Die Kamera vergrößert und verkleinert, agiert mal wie das Auge eines fremden Beobachters im Weitwinkel, mal wie eine Lupe auf der Suche nach dem einen Hinweis, der Gewißheit geben soll. Hier wird das Kino seziert auf der Suche nach der Eindeutigkeit, die sich als trügerisch erweist. Die objektive Wahrnehmung, die Möglichkeit, die einzig richtige Realität zu erkennen, was sich jedes Individuum gern als Talent zuschreibt, existiert nicht. Alles an diesem Film ist Blick, ist Sehen und mündet ins Nichts. Mit keinem Ball spielt die Pantomimengruppe zuletzt im Park Tennis, und keinen Ball wirft der junge Mann zurück. Das Sehen ist am Ende und hat da doch gerade erst begonnen. Im Kino. 2010-01-15 18:48

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