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00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter

D 1994. R,M: Helge Schneider. R,K: Christoph Schlingensief. S: Andrea Schumacher. P: Senator. D: Helge Schneider, Helmut Körschgen, Werner Abrolat, Andreas Kunze, Guenther Kordas, Bratislav Metulskie, Peter Thoms, Otto Van den Berg, Werner Nekes u.a.
90 Min.

Der Kommissar Schneider ist gut

Von Jakob Stählin Helge Schneiders Auftritte beim deutschen Comedypreis sind schon fast zur Tradition geworden. Jedes Jahr versammeln sich dort die schrecklichsten der Schrecklichen, um sich gegenseitig Witzigkeit zu unterstellen. Im Publikum sitzen Leute wie Otto Waalkes und Atze Schröder umringt von anderen Kalauermaschinen; und auch der Teufel höchstpersönlich, Mario Barth, ist stets anwesend. Das Tolle daran ist, daß sie sich Jahr für Jahr in den wenigen Minuten, da Meister Helge die Bühne innehat, vor Augen führen lassen müssen, wie talentlos sie im Vergleich allesamt sind. Es mag ihnen zwar reichlich egal sein, füllt man ja große Hallen oder gar Stadien, doch ihre Gesichter platzen doch regelmäßig vor blankem Neid. Helge macht Quatsch, sie Schrott.

Oder, um es mit Helges Worten zu sagen: »Ich kann nur zwei Dinge. Quatsch und Musik.« Auf der Bühne funktioniert das prächtig. Am Anfang waren die wenigen Zuschauer schockiert oder begeistert oder beides; Geld hat das nicht gebracht. Doch nach Jahren des unermüdlichen Auftretens schrieb Helge »Katzeklo« und plötzlich dämmerte der Nation, daß hier einer ist, der sein Ding durchzieht, der nicht zu greifen ist und unbeirrt weitermacht. Heute ist Helge so was wie Deutschlands Vorzeigeclown: Die jungen Zyniker können gar nix anderes mehr witzig finden und die, die ihn eigentlich nicht verstehen, finden seine Musikalität höchst beeindruckend. Neben seinem Bühnendasein hat er mittlerweile auch vier Filme gemacht, von denen 00 Schneider mit Sicherheit der Beste ist. Findet er selbst auch »weil der am durcheinandersten ist«. Recht hat er.

Wo in Texas noch teils Willkür herrschte und Praxis Dr. Hasenbein etwas zu brachial daherkommt ist 00 Schneider schlichtweg brillant. Helge wollte schon immer mal einen Kommissar spielen und er kostet diese Rolle genüsslich aus. Trenchcoat, Pfeife, Sidekick und ganz eigene Ermittlungsmethoden dürfen da freilich nicht fehlen. Da Helge sich in seinem Kosmos selbst am Besten zurechtfindet, übernimmt er gleich drei Rollen, doch auch die Übrigen hat er mit Andreas Kunze, Werner Abrolat und Helmut Körschgen vortrefflich besetzt. Vor allem letzterer, als 00 Schneiders Assistent, hat Kultstatus erreicht und wird auf Studentenpartys rauf und runter zitiert. Auf der von improvisierten Nulldialogen getragenen Narrationsebene wird der Zuschauer permanent von absoluten »Was ist denn hier los«-Momenten geschockt und schließlich, wenn das Hirn seine Arbeit etwas aussetzt, zu wundervoll ehrlichen Lachern gebracht. Es ist ein Glücksfall, daß das funktioniert, denn anders als bei gängigen Komödien wird hier nicht eine gewisse Schublade bedient und mit Kalkül gearbeitet, das letztlich jeden halbwegs zufrieden zu stellen sucht, sondern wie bei jedem Kunstwerk ein Scheitern durchaus in Kauf genommen. Die Radikalität des Produkts läßt gar nichts anderes zu, und wenn man sich nun an die großen Momente der Komik zurückerinnert, denn natürlich ist 00 Schneider in erster Linie ein extrem lustiger Film, so waren nicht selten die besten Momente jene, die einen in ihrer Absurdität völlig überrollten. Monty Python etwa hatten eine enorme Dichte an solchen Momenten, aber selbst improvisationsferne Komiker wie Loriot oder Gerhald Polt hatten ihre Spitzen im souveränen Knalltütentum. Helge nun macht über die gesamte Spielfilmlänge nichts anderes.

Oberflächlich betrachtet ist die Jagd nach Nihil Baxter zwar eine Verkettung von Szenen, die irgendwann die dünne Handlung zu Ende bringen müssen, sprich mit der Aufklärung des Verbrechens enden, doch eine Nummernrevue ist der Film dennoch nicht geworden. Zwar reiht sich hier Quatsch an Quatsch, doch die klaren Pointen bleiben aus. Auch das Setting ist erschreckend ungemütlich: Ruhrpottmuff, verrauchte Kneipen und schreckliches Kleinbürgertum werden als Szenarien gewählt. Die Welt des Kommissars ist grau und trist und es bedarf schon einer gewissen Übung, um sich der Grundstimmung ergeben zu können. Dennoch ist die Ausstattung absolut auf den Punkt. Die Wohnung des Mörders und Kunstsammlers Nihil Baxter etwa ist großartig ausgestattet und paßt sich grandios in die wirre Parallelwelt ein. Als Kameramann fungierte übrigens Christoph Schlingensief, der mit schockierenden Zooms und seltsamen Schwenks die Anarchie auch auf die Bildebene bringt. Wer hier von Dilettieren spricht, darf nicht übersehen, daß die Leichtigkeit, die das Produkt 00 Schneider versprüht, nur durch absolute Verinnerlichung dessen, was den Film als Ausdrucksmedium definiert, möglich ist. Helge wurde einmal gefragt, ob man denn Meisterschaft auf einem Instrument erlangt haben muß, um derart falsch zu spielen, wie er dies gerne tut. Die Antwort ist klar und betrachtet man die unzähligen No-Budget-Amateurfilme, die versuchen, Witzigkeit durch aufgesetzte Schlechtigkeit zu erlangen, wird klar, daß es eine klare Grenze zwischen gutem Quatsch und blankem Schrott gibt. 2011-01-13 16:30

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