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Im Zeichen des Bösen

Touch of Evil. USA 1958. R,B: Orson Welles. K: Russell Metty. S: Walter Murch, Aaron Stell, Virgil W. Vogel. M: Henry Mancini. P: Universal. D: Charlton Heston, Janet Leigh, Orson Welles, Joseph Calleia, Akim Tamiroff, Joanna Moore, Marlene Dietrich, Zsa Zsa Gabor, Joseph Cotten u.a.
95 Min.

Good Cop, Bad Cop

Von Jesko Jockenhövel Ganz am Ende von Orson Welles' wunderbar pragmatischem Meisterwerk Im Zeichen des Bösen faßt Marlene Dietrich in einem Satz noch einmal den Bürger Kane zusammen: »Was spielt es schon für eine Rolle, was man über einen Mensch sagt?« Der Satz ist eigentlich auf Inspektor Quinlan gemünzt, jenen korrupten, stark übergewichtigen, moralisch verkommenen Polizisten, den Welles hier selber mit soviel Ambiguität ausstattete, daß sich das produzierende Universal Studio veranlaßt sah, den Film umzuschneiden und Szenen ohne die Beteiligung von Welles nachzudrehen. Doch der Satz der Dietrich, im Produktionsjahr 1958 selbst schon am Ende ihrer Filmkarriere angelangt, greift auch Welles' Erstlingsfilm Citizen Kane auf, mit dem sich Welles in die Filmgeschichte einschrieb wie kein zweiter – es war eines der wenigen Werke, bei dem er die vollständige Kontrolle über den Produktionsprozeß dank eines bis dahin einmaligen Vertrags erhalten konnte. Soviel wurde in Citizen Kane über den Bürger Charles Foster Kane von Freunden, Frauen und Mitarbeitern gesagt, und trotzdem blieb er ein Rätsel, da half auch »Rosebud« nichts. Über Quinlan wird außer den letzen Worten von Marlene Dietrich gar nichts mehr gesagt werden, aber ihm gebühren immerhin diese letzten Worte von Im Zeichen des Bösen, denn nicht der von Charlton Heston gespielte Held des Films ist Dreh- und Angelpunkt dieser eigentlich kleinen, dreckigen Kriminalgeschichte, die doch so viel mehr ist, in einer heruntergekommen mexikanisch-amerikanischen Grenzstadt, sondern der verkommene Quinlan.

Wie bei Welles üblich hebt sich der Film visuell mit seiner expressionistischen Ästhetik von den meisten Hollywood-Filmen der Zeit ab. Die von Welles und seinem Team in Citizen Kane und Der Glanz des Hauses Amberson entwickelten Plansequenzen und Einstellungen mit großer Tiefenschärfe werden hier zur Vollendung gebracht, insbesondere in der berühmten Anfangssequenz. Wie Welles hier und in anderen Szenen seine Schauspieler und die Kamera choreographiert, erscheint immer wieder meisterhaft. Der französische Kritiker, Filmtheoretiker und große Welles-Bewunderer André Bazin hat Im Zeichen des Bösen ein Filmemachen »in Höchstgeschwindigkeit« bescheinigt, und tatsächlich gibt es kaum Stillstand. Visuelle Kniffe und die Konfrontation von good cop und bad cop sind auf Karambolage ausgelegt. Daran ändert auch nichts, daß einige Szenen, die nachgedreht wurden, aus dem visuellen Konzept mit viel Tiefenschärfe und extremen Weitwinkeln hinausfallen. Eine definitive Fassung des Films ist eh nicht mehr möglich. Die restaurierte Fassung von 1998, die auf einem 58-seitigen Memo von Welles beruht, versucht Welles' Vorstellungen nahe zu kommen. 2011-11-27 13:30
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