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Mr. Nobody

CDN/F/B/D 2009. R,B: Jaco Van Dormael. K: Christophe Beaucarne. S: Susan Shipton, Matyas Veress. M: Pierre van Dormael. P: Pan Européenne, Virtual Films, Pathé u.a. D: Jared Leto, Sarah Polley, Diane Kruger, Linh Dan Pham, Rhys Ifans, Natasha Little, Toby Regbo, Juno Temple, Clare Stone u.a.
141 Min.

Die Qual der Wahl

Von David J. Lensing In Der seltsame Fall des Benjamin Button gibt es eine wundervolle Szene, in der eine unglückliche Verstrickung von Zufällen einen Unfall verursacht, der einer jungen Tänzerin das vorzeitige Karriere-Ende beschert. Aufgebaut nach dem Schema »Wenn dies, dann das…« und so weiter. Eine solche Hommage an den Konjunktiv, bloß in Spielfilmlänge und ordentlich durchgeschüttelt, so darf man sich Jaco van Dormaels Mr. Nobody vorstellen: Ein Film über den Einfluß einer Entscheidung auf den Lauf der Zeit. Universell und individuell. Das klingt nach einem gewaltigen Thema, um es in etwas mehr als zwei Stunden abzuwickeln. Regisseur und Drehbuchautor van Dormael ist sich der Intention seines Werks allerdings so gewiß, daß er trotz hochkomplexer Struktur nie in Nebensächlichkeiten abdriftet und schließlich sämtliche Fasern seiner Geschichte(n) zu einem roten Faden verdreht.

Doch zunächst streut der Film Verwirrung. Nach einem kurzen Prolog über die Lernfähigkeit einer Taube überrollt den Zuschauer eine großartig geschnittene, aber scheinbar völlig zusammenhangslose Bilderflut, die regelrecht nach Aufklärung schreit. Es verlangt vollster Aufmerksamkeit, der vagen Rahmenhandlung zu folgen, die im Jahre 2092 den letzten sterblichen Menschen in den Fokus nimmt: In einer futuristischen Truman-Show erregt der 118-jährige Nemo Nobody das Interesse der dank Zellerneuerung unsterblichen Menschen. Ein junger Journalist will den Greis über dessen Leben interviewen und bekommt gleich mehrere Versionen aufgetischt. Welche davon ist Realität, welche bloß Wunschdenken, Traum oder Fiktion?

Jüngst begeisterte Christopher Nolan seine Fangemeinde bereits mit einem Thriller über Traum- und Zeitebenen, ein Thema, das schon viele Filmperlen hervorgebrachte. Während Nolan seine Inception jedoch für ein breites Publikum angelegt hat und den Zuschauer praktisch bei der Hand nimmt, um ihn durch seinen Kosmos zu führen, spricht Mr. Nobody eine wesentlich kleinere Zielgruppe an. Van Dormael fordert die Konzentration des Zuschauers schonungslos heraus, ohne in den Surrealismus eines David Lynch zu verfallen. Aus einer Schlüsselsituation ergeben sich mehrere Plots: Der 9-jährige Nemo muß sich an einer Bahnstation zwischen seinen geschiedenen Eltern entscheiden. Will er bei seinem Vater bleiben, oder mit seiner Mutter in den Zug steigen? Die Wahl wird sein ganzes weiteres Leben beeinflussen. Der Film nimmt sich einfach beider Möglichkeiten an und erzählt sozusagen alternative Werdegänge.

Diese Idee ist nicht neu. Van Dormael selbst griff sie bereits 1984 in seinem Kurzfilm È pericoloso sporgersi auf. Das Setting der Bahnstation in Mr. Nobody weist sogar extreme Ähnlichkeit zur Kurzfilmvariante auf. Über zwei Jahrzehnte nahm sich van Dormael Zeit, um seine Idee wachsen zu lassen und seinen Erfahrungshorizont zu erweitern, ehe er sich an die Leinwandadaption traute. Jetzt liefert er ein ausgereiftes Meisterwerk ab, das nicht nur dramaturgische, sondern vor allem auch visuelle Maßstäbe setzt. Der Film sprudelt vor inszenatorischen und kompositionellen Ideen, baut in einem selbstsicheren Stilmix sogar Fernsehshow- und Stummfilm-Elemente homogen ein, ohne erzwungen zu wirken. Es steht außer Frage, daß Improvisation bei den Dreharbeiten hinten anstehen mußte: Mr. Nobody ist ein von vorne bis hinten streng durchdachter und intelligenter Film, der für seine ohnehin schon unterhaltsame Story eine atemberaubende Bildsprache findet. Immer wieder erweisen sich einzelne Schnitte und Übergänge als geniale, kleine Bonbons, die dem Zuschauer zur Belohnung für die ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Daß van Dormael nach 13 Jahren Sendepause Mitteilungsbedürfnis an den Tag legt, schlägt sich in satten 142 Minuten Spieldauer nieder – hier hätte man sicher etwas großzügiger schneiden können. Daß das Science-Fiction-Liebesmelodram trotzdem zu keiner Zeit langatmig wirkt, ist neben der rasanten Inszenierung einem gut aufgelegten Schauspieler-Ensemble zu verdanken. Allen voran Jared Leto, der sich abermals als großartiger Charakterdarsteller erweist – ob nun im Normalzustand oder mit einer Tonne Make-Up im Gesicht als 118-jähriges Urgestein. Im Jugendalter wird Nemo Nobody von Toby Regbo verkörpert, dessen Leistung mit der seiner Filmpartnerin Juno Temple zu den besten des Films gehören. Das i-Tüpfelchen stellt ein Soundtrack dar, der von Bach über die Pixies bis hin zu Nena ein ganze Palette an musikalischer Untermalung liefert, die dem facettenreich Werk absolut gerecht wird und den Zuschauer auf seinem wirren Weg zum sicheren Ende begleitet. Denn trotz komplizierten Handlungsverlaufs steuert Mr. Nobody auf eine sinnvolle Auflösung zu, die jeder noch so absurd erscheinenden Szene ihre Existenzberechtigung gibt. Sogar der lernfähigen Taube. 2011-11-27 14:56
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