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Desperado

USA 1995. R,B,S: Robert Rodriguez. K: Guillermo Navarro. M: Los Lobos. P: Columbia Pictures, Los Hooligans Prods. D: Antonio Banderas, Salma Hayek, Joaquim De Almeida, Cheech Marin, Steve Buscemi, Carlos Gómez, Quentin Tarantino, Tito Larriva u.a.
103 Min.

Imitationen von dir

Von Jakob Stählin Auf deinem Band fließt und spritzt das Blut. Dieses geile rote Kästchen, hinten auf Dir, geliebte VHS verrät es. Ja, Du bist ab 18. Uncut. Danke liebe FSK für dieses wunderbare Qualitätssiegel. Mit 14 Jahren genügt mir das völlig. Mit meiner neuen Errungenschaft mach ich mich auf zu einem Kumpel. Er hat zwei Videorekorder, eine Playstation und einen 486er, kurz: ein Slacker-Himmel. Aufgeregt schieben wir das Originalband in Videorekorder 1 und eine Leerkassette in Videorekorder 2 (zur Anfertigung einer Sicherheitskopie, versteht sich). Was dann kommt, ist pures Staunen; wir feiern jeden Schuß, jeden Blutstropfen, inhalieren den Rhythmus der Gewalt, der Musik, der dünnen Rachestory, ja, wir saugen den Film aus, ohne jegliche Ahnung von den Vorbildern, den Zitaten oder Sonstigem. Zwar fliegen ein paar Tarantino-Bücher und anderer schnell veröffentlichter, den Hype ausnutzender Mist herum, doch gelesen hat den keiner. Wozu auch lesen? Unsere Vorbilder haben, soviel ich weiß, in Videotheken rumgehangen und tagein tagaus nur Filme geglotzt.

Das genügt, um zu wissen, daß ein Actionfilmset am Ende des Drehs zerlöchert und zerfetzt, schlicht: dem Erdboden gleichgemacht sein sollte. Es ist eben jene Anarchie und Zielstrebigkeit, mit der die Kinder in Four Rooms das Hotelzimmer zertrümmern, die auch im Titty Twister bei From Dusk Till Dawn oder eben in den zahlreichen Schießereien in Desperado greifbar ist. Daß Rodriguez Gespür für zeitloses Kino hat, hat er mehrfach bewiesen, auch wenn sein jüngster Genremix Machete etwas farblos geraten ist. Das liegt vor allem an der mangelnden Hauptdarstellerqualität von Danny Trejo, der in Desperado jedoch als messerwerfender Kofgeldjäger goldrichtig besetzt ist. Auch Cheech Marin und Tito Larriva als korrupte Barbesitzer, Steve Buscemi als Vorbote des Racheengels oder die junge Salma Hayek als Sexbombe und Buchhändlerin – sie alle fügen sich blendend in den blutigen Feldzug ein.

Antonio Banderas aber ist die Identifikationsfigur, die den simplen Actionfilm in einen virtuosen Tanz verwandelt. Auf Zehenspitzen weicht der Mariachi den Kugeln aus, die vor ihm versanden, mit heißblütiger Miene schreitet er über die Theke der Tarasco-Bar und erschießt die Lakaien seines Feindes mit grotesker Lässigkeit. Während die Stuntmen plump durch die Luft fliegen, bewegt sich Banderas mit spanischer Anmut über den Trümmerhaufen. Dabei bleibt die Kamera sehr nah an der Hauptfigur, die nicht selten in aufgeladenen Zeitlupen zelebriert wird. Umgarnt wird die Szenerie auch von der Musik von Los Lobos, Tito & Tarantula und den Dire Straits. Alles unheimlich altmodisch, denn alles ist Hommage. Im Endkampf unterwirft sich Rodriguez gar dem Rhythmus der Musik und läßt auf den Beat schneiden. Mit jedem Griff in die Saiten wird der Body Count nach oben getrieben. Das ist simples Kino in Bestform.

So gibt es auch am Ende keinen doppelten Boden, keine erlogene Tiefe, sondern eine einfache Rachestory, mit einem klassischen unbesiegbaren Helden, dessen Vorgeschichte nur karg angerissen wird. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß mit El Mariachi ein Quasi-Vorgänger existiert. Doch Desperado ist ohnehin weniger eine Fortsetzung als eine budgetträchtigere Neuverfilmung und markiert den lauten, dreckigen Höhepunkt der Mariachi-Trilogie, die im Finale Irgendwann in Mexico von halb Hollywood geadelt wird. Sie verneigen sich vor Rodriguez wie dieser vor Leone, Margheriti, Deodato und ähnlichen. Als Zuschauer jedoch genügt es, Gitarrenkofferraketenwerfern und anderen Obskuritäten wohlgesinnt zu sein, um seine helle Freude zu haben. Es spielt auch keine Rolle, ob man die Pubertät bereits weit hinter sich gelassen hat, denn den Test der Zeit hat Desperado nicht nur bestanden, vielmehr ist der Kleinjungenstreich nach 15 Jahren zum Klassiker avanciert und zu dem geworden, was er imitierte. 2012-01-19 13:30
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