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Das Leben des Brian

Monty Python's Life of Brian. GB 1979. R,B: Terry Jones. B: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Michael Palin. K: Peter Biziou. S: Julian Doyle. M: Geoffrey Burgon. P: Handmade Films, Python (Monty) Pictures. D: Terry Gilliam, John Cleese, Graham Chapman, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Charles McKeown, Sue Jones-Davies u.a.
94 Min.

Das ist vielleicht deine Meinung, Mann.

Von Jakob Stählin Eine der unzähligen Wahnvorstellungen unserer Zeit ist es, zu glauben, der plumpe Besitz einer Meinung habe etwas mit Bildung zu tun, sei gar etwas generell Positives. Vor der Uraufführung des zweiten Monty Python-Spielfilms Das Leben des Brian gab es weltweit Proteste christlicher Fanatiker, die teilweise mit plumpen Flugblättern auf die Lügen, die der Film angeblich verbreite, aufmerksam zu machen versuchten, was die Presse freilich dankend aufnahm. So bedient ein Medium das andere. Interessant ist dann jedoch, wie bereitwillig auch ein Gros der Rezipienten Fremdmeinungen diesbezüglich zu adaptieren bereit ist und quasi gebrandmarkt beim tatsächlichen Konsum lediglich einen minimalen Meinungsruck zu vollziehen imstande ist. Das erinnert zwangsläufig an die Predigt Brians mit dem berühmtem Ausspruch »Ihr seid alle Individuen«, den die Menge im Gegenzug wortwörtlich wiederholt und ihn somit entwertet. So gibt es immer noch dem Christentum Wohlgesinnte, die sich echauffiert zeigen ob der angeblich blasphemischen Inhalte von Das Leben des Brian. Diese Menschen sind unfähig ihrer verstaubten Rolle zu entfliehen, die sie bereits zu tief verinnerlicht haben. Eine Neueinschätzung scheint unmöglich.

Doch in der Rezeption thematisch heikler Filme sind derlei Situationen leider keine Seltenheit. Als etwa Roberto Benigni mit seiner durchaus klamaukigen Holocaust-Komödie Das Leben ist schön zeitweise das andächtige Terrain der meisten Weltkrieg Nummer 2-Großproduktionen verließ, hätte er durchaus Unmut auf sich lenken können. Doch (und die Güte des Films ist hier zwar bedeutend, aber nicht vorrangig) die Presse war ihm wohlgesonnen, was dazu führte, daß das Publikum eine Legitimation besaß, das Werk zu schätzen. Selbiges mit konträrem Konsens widerfuhr Mel Gibson mit Die Passion Christi. Jeder hat vermeintlich etwas zu sagen, kann die tatsächliche Diskussion jedoch kaum bereichern. Geringe Kenntnis des Sachverhalts, eine bereits bestehende öffentliche Diskussion gepaart mit etwas Dummheit, schwupps hat man, ehe man's sich versieht, einen netten Skandal und somit ein nicht nur für Fußball- und Wetterdesinteressierte fantastisches Friseurthema. Was all jene eint, die Das Leben des Brian im Jahre 2012 tatsächlich noch für einen in Richtung Obersten anstößigen Film halten, ist simpel: Keiner von ihnen hat die Schnitt-Ausgabe Nr. 47 gelesen. Wieso und weshalb an Monty Pythons Bibelfilm nichts, aber auch gar nichts Verwerfliches auszumachen ist, kann und soll dort bitte in aller Ruhe nachgelesen werden.

Überraschend ist, daß Das Leben des Brian vielerorts als der beliebteste Film der Komikertruppe gilt. Grob eingeordnet markiert er nämlich den Ausstieg der Pythons aus ihrer jugendlichen Explosivität, der einen nicht geringen Teil ihrer Einzigartigkeit ausmachte. Das TV-Format Flying Circus und der erste Film Die Ritter der Kokosnuß waren extrem durchgeknallte Produktionen, die ihre Lacher nicht selten aus absoluter Absurdität und unkonventionell verpackten, aber vertrauten Erzählstrukturen zogen. Auf Das Leben des Brian ließen sich diese Attribute zwar durchaus auch bis zu einem gewissen Grad anwenden, doch wie bereits erwähnt ist die Programmierung des Publikums ein nicht zu unterschätzender Faktor. Das Fernsehen hatte man zerlegt, das Medium Film ebenfalls, man war plötzlich einen Schritt weiter und mußte aufpassen, sich nicht selbst zu kopieren. Das klare Bekenntnis zur Form, ohne diese innerfilmisch zu verspotten, stellt somit einen klaren Wendepunkt im Œuvre der Pythons dar. Während Die Ritter der Kokosnuß mit einem falsch eingelegten Film beginnt und die nicht enden wollende Eröffnungssequenz in einen absurden Farbenrausch mündet, beginnt Das Leben des Brian sehr klassisch; albern aber klassisch. Die Pythons sprengen das Medium nicht mehr und fügen es wieder zusammen, sondern überspitzen es, sind quasi in der klassischen Parodie angekommen. Zwar finden sich auch hier zahlreiche für Monty Python typische Elemente wieder, doch die Form des klassischen Spielfilms wird respektiert und eingehalten.

Die Dialoge, die Schauspieler, die bescheuerten Figuren – all dies ist jedoch auch in Das Leben des Brian so unverschämt komisch, so elegant daneben, daß auch dieser Film ein absolut sehenswerter ist. Das Tempo und die absolute Brillanz ihres Frühwerks erreichen Graham Chapman, John Cleese, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin und Terry Gilliam jedoch nicht ganz, und auch der absolut klare Look bleibt etwas auf der Strecke. Jedoch ist dies keineswegs an vermeintlichen Schwächen auszumachen, vielmehr ist die gewählte Form des klassischen Spielfilms, den eine breite Masse zu akzeptieren bereit ist, das Konstrukt, das, kollidiert es mit Monty Python, an seine Grenzen gebracht wird. Es anders zu formulieren würde den mit Steinigung zu bestrafenden Tatbestand der Blasphemie darstellen, denn eines ist sicher: Monty Python ist unfehlbar. 2012-01-25 12:49
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