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Die Mörder sind unter uns

D 1946. R,B: Wolfgang Staudte. B: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Fritz Staudte. K: Friedl Behn-Grund, Eugen Klagemann. S: Hans Heinrich. M: Ernst Roters. P: DEFA. D: Ernst Wilhelm Borchert, Hildegard Knef, Arno Paulsen, Elly Burgmer, Erna Sellmer, Hilde Adolphi, Marlise Ludwig, Ursula Krieg u.a.
85 Min.

Verzweifelte Versuche einer Verdrängungsarbeit, erfolglos.

Von Marius Böttcher Alles hat sich geändert, doch der Himmel über Berlin ist immer noch der gleiche. So ist es noch derselbe wie bei Käutner und wird auch bei Wolf und Wenders noch immer dieser sein. Der Himmel ist das einzige, was sich bewegt und doch auch das, was sich nicht verändert, nicht trennen läßt und keine Spuren bewahrt. Und so blickt die Kamera, fest auf den Boden im Schutt verhaftet, sehnend gegen die erstarrten Trümmer – läßt sie jedoch alsbald im Gegenlicht ins Schwarz verlieren und den Himmel einfach nicht aus der Sicht. So ist diese Kameraperspektive auch der Blick des Gefallenen, der sein Bewußtsein wiederfindet und seine Augen gen Himmel öffnet. Über ihn die gestaltlose Formlosigkeit der Wolken, gleich den Resten überall herum. Die Ruinen werden derart eindringlich fotographiert, als wären sie der Dramatik einer Oper entrissen, deren Geschichte mit dem Ende beginnt. Seit Michel Serres wissen wir jedoch, daß das Element der Luft und so auch der Himmel keine Geschichte hat, weil es kein Gedächtnis besitzt, ohne Ende, ohne Anfang. Der Blick auf den geschichtslosen Himmel ist damit der verzweifelte Versuch, das Gedächtnis zu verlieren, die Trümmer verschwinden zu lassen und neu anzufangen.

Doch da gibt es noch all diese eindringlichen Close-ups, die nicht vergessen, die Blicke der Blicke auf das, was war und jetzt noch immer ist und nie gedacht werden konnte. Schutt und Trümmer erstrecken sich ohne Fluchtpunkt über alle Bilder. Da sind auch die deformierenden Schlagschatten, die das Bild zerteilen, die das Innen und das Außen zu einer depressiven Atmosphäre übereinanderlegen, Schichten bilden, Oberflächen beweglich halten und die Mauerreste als Projektionsflächen erzählen lassen. In Weimarer Tradition werden diese expressionistischen Schatten, verkanteten Kamerawinkel und düsteren Noir‐Elemente konglomeriert. Provisorische Gräber, Stahlhelme, Reste des Alltags verbinden sich in Schwenks und Überblendungen zu einer Geschichte der Ruine, setzen sie die Trümmer des Materials, die Niederlage, den Tod und den Menschen in ein seltsames Gefüge. Hier murmelt und schreit es, bricht zusammen und verschmilzt, zerrüttet es bis zur Selbstaufgabe. Rückblenden in asynchronen Konfrontationen von Bild und Ton zeigen die vergangenen Zeiten darum auch mehr im Ästhetischen als im Erzählerischen. Gedämpft, depressiv und leidend irren die Figuren unbeirrt vor sich hin und ersehnen sich einen Anfang. Das Gemenge des Vergangenen und die Suche nach dem Neuen lauert in jedem Bild.

Es ist die erste Produktion der Nachkriegszeit, der erste Film der DEFA und Begründung der Trümmerfilme. Aus dem KZ heimgekehrt stößt Susanne Wallner in ihrer verfallenen Wohnung auf Hans Mertens, der bewegungslos und zertrümmert ist wie die ganze Stadt um ihn herum. Das Nicht-Vergessen‐Können eines Befehls seines Vorgesetzten schichtet sich in mehrfachen Rückblenden als innere Projektionen auf seine Figur. Die Stunde Null als Neubeginn konnte bis hierhin nur der Hauptmann selbst beginnen, der in wohlhabender Position einer Fabrik satt und zufrieden ein neues Leben lebt, während Mertens noch immer mit dem alten kämpft.

So ist es wohl aber nicht das Politische, sondern das Moralische, nach dem der Film und seine Figuren zu suchen scheinen, um im Konstituieren der Nachkriegszeit und im Schatten des Vergangenen die Schuld zu verhandeln. Das Verharren im unendlichen Grau einer neuen Steinzeit läßt aber eben dennoch kein neues beginnen, verdrängt im Meer des Selbstmitleids die Geschichte als die eigene und gibt sie stattdessen als schwerlastige Schuld der anderen wieder, in eifriger Arbeit gegen das Nicht-Vergessen.

Der Himmel ist immer der gleiche geblieben, und die Mörder sind noch immer unter uns: Will Staudte diese Geschichte auch gern zu einer über die Schuld der anderen machen, so bleibt im Kern eine Bewegung zu einer Reue, die zwar verdrängt wird, aber nicht vergessen macht. Auch wenn die Wiederaufbauten in den Trümmern sich an Kontinuitäten eines Davor knüpfen, ganz gleich dem Aufruf zum neuen in allen filmischen Elementen blitzend, wieder Dauer produzieren möchte, bleibt Die Mörder sind unter uns der erste und wichtige Blick auf eine Nachkriegswelt voller Zerstörung, Zweifel und Niederlage, der einen Neuanfang einfordern will. Die verzweifelten Versuche der Verdrängungsarbeit mögen erfolglos sein, doch gerade das sollte dieser Film wollen. 2012-02-01 17:53
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