— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Spiel mir das Lied vom Tod

C'era una volta il West. I/USA 1968. R,B: Sergio Leone. B: Sergio Donati. K: Tonino Delli Colli. S: Nino Baragli. M: Ennio Morricone. P: Rafran Cinematografica, Paramount. D: Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Charles Bronson, Gabriele Ferzetti, Paolo Stoppa, Woody Strode, Jack Elam, Keenan Wynn, Frank Wolff u.a.
175 min.

Die wollen nur spielen

Von Nils Bothmann Man hört und liest immer von goldenen Regeln des Erzählens im Film, daß Szenen nie länger dauern sollen als nötig, daß jede Einstellung den Plot vorantreiben soll, daß kurzum ökonomisch erzählt werden soll. Und es gibt genug Filme, die den Sinn solcher Regeln aufzeigen, indem sie als Negativbeispiele auffallen. Seltener, aber auch vorhanden, sind jene Werke, welche ebendiese Regeln konsequent brechen und dennoch – oder gerade dadurch – zur Höchstform auflaufen. Spiel mir das Lied vom Tod ist das wohl schönste von ihnen.

Die Geschichte, erdacht von Western-Maestro Sergio Leone, Arthouse-Koryphäe Bernardo Bertolucci und Spannungsmeister Dario Argento, ist im Grunde genommen simpel, könnte rein theoretisch auch in 90 Minuten oder weniger erzählt werden. Doch das Drehbuch von Leone und Sergio Donati geht den umgekehrten Weg, präsentiert Spiel mir das Lied vom Tod als gänzlich entschleunigten Western, dessen narratives Konstrukt perfekt mit Leones inszenatorischen Markenzeichen wie langen Einstellungen, Nah- und Detailaufnahmen, gerne von den Augen der Darsteller, und bestimmte Details betonende Zooms und Schwenks harmoniert. Jede Szene ist eigentlich mindestens doppelt so lang wie nötig, baut aber gerade deswegen einen Spannungsbogen in sich auf, weshalb Spiel mir das Lied vom Tod mit (angesichts seiner Laufzeit) überraschend wenigen Szenen- und Schauplatzwechseln auskommt – ein Kniff, den sich der bekennende Leone-Fan Tarantino für seinen grandiosen Inglourious Basterds abschaute. Weltberühmt ist die fast gänzlich ohne Dialoge auskommende Creditsequenz, am Ende derer der schweigsame, nur Harmonika genannte Held drei Revolvermänner erledigt. Nicht weniger grandios und von einer Schönheit, die angesichts des Inhaltes fast schon makaber zu nennen ist, ist die zweite, direkt darauffolgende Szene des Films, die den Fiesling Frank etabliert, als dieser eine ganze Familie auslöscht.

Spiel mir das Lied vom Tod greift bekannte Leone-Topoi auf: Auch Harmonika ist ein Mann ohne Namen, ähnlich wie Clint Eastwood, dem die Rolle zuerst angeboten wurde, in Leones Dollar-Trilogie. Wie schon in Für ein paar Dollar mehr und Zwei glorreiche Halunken arbeiten zwei der Protagonisten mehr oder minder freiwillig gegen den Schurken des Films zusammen, wobei man den wortkargen Profischützen Harmonika als »good«, den eiskalten Killer Frank als »bad« und Cheyenne, den schlitzohrigen Banditen mit dem Herz am rechten Fleck, als »ugly« im Sinne von Zwei glorreiche Halunken bezeichnen kann. Im Gegensatz zu sämtlichen anderen Werken in Leones Westernuniversum wartet Spiel mir das Lied vom Tod nicht nur mit Frauen in den üblichen Randpositionen als Huren und Heilige auf, sondern bietet mit Claudia Cardinale in der Rolle der Witwe Jill McBain eine ausgesprochen starke, vielschichtige Frauenfigur, die sich überraschenderweise sogar als zentraler Charakter, wenn nicht sogar eigentliche Hauptfigur erweist, da sie und ihr Schicksal die Schnittstelle bilden, an der sich die drei männlichen Charaktere treffen.

Wie auch schon in früheren Leone-Western gehört das Motiv der Rache zu den Antriebsfedern des Films, die hierzulande titelgebende Dialogzeile »Spiel mir das Lied vom Tod«, die in anderen Sprachfassungen nicht vorkommt, betont dies, während der Originaltitel C’era una volta il West und der englische Verleihtitel Once Upon a Time in the West den epischen Charakter von Leones Opus Magnum verdeutlichen. Spiel mir das Lied vom Tod erzählt eigentlich sogar zwei sich überschneidende Rachegeschichten: Harmonikas Rache an Frank sowie Jills Rache an Frank und den anderen, die die Familie McBain ermordeten um sich deren Landbesitz anzueignen.

Das Ende jener Rachegeschichten ist jedoch ein zynisches: Kamen die Protagonisten in Leones vorigen Western nicht nur mit dem Leben, sondern oft auch mit einem Lohn in Form von Gold oder Gerechtigkeit davon, so haben am Ende von Spiel mir das Lied vom Tod eigentlich alle verloren. Die Hauptfiguren sind entweder tot, reiten ihrer Bestimmung beraubt davon oder müssen damit umgehen, daß ihre große Liebe ihre Gefühle nicht erwidert. Doch schon zuvor räumt Spiel mir das Lied vom Tod mit Westernmythen auf: Frank, der legendäre Killer, wird von seinem Auftraggeber, einem todkranken Eisenbahner, als Relikt bezeichnet, der die wahre Waffe, nämlich das Geld, nicht beherrscht. Gleichzeitig ist der Eisenbahnbau, die letzte Variante des Frontier-Mythos in einem quasi gänzlich erschlossenen Amerika, nur noch der Traum eines sterbenden Fanatikers, ein Traum, der vielen Menschen, auch seinem Schöpfer selbst, nichts als den Tod bringt. Damit stimmt Spiel mir das Lied vom Tod, ähnlich wie Sam Peckinpahs im gleichen Jahr gedrehter Spätwestern The Wild Bunch, in den Kanon jener Filme ein, die das Ende des klassischen Western besangen, der auch an der Kinokasse nach und nach einbüßte, und sich von früheren optimistischen Heldengeschichten verabschiedeten. Wenn der Abschied allerdings ein solch schöner ist wie Spiel mir das Lied vom Tod, dann war es das Opfer wert. 2012-02-29 18:16

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap