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Bildstörung

Iván Zuluetas surrealer Horrorfilm Arrebato (© 1979/2010 Nicolás Astiarraga P.C., Framax Film s.l., Alokatu s.l.)

Abseitigkeit als Chance

Von Jochen Werner »Filme von Filmemachern, die eine ganz eigene Vision davon haben, was Film kann, darf und soll. Filme, die experimentieren und neue Ausdrucksformen entwickeln, die anders erzählen und manchmal Bilder zeigen, die man so noch nicht gesehen hat«, so beschreiben Carsten Baiersdörfer und Alexander Beneke das Programm von »Bildstörung«, das sich seit den ersten beiden Veröffentlichungen vor zwei Jahren in rasantem Tempo zu einem der interessantesten und ambitioniertesten deutschen DVD-Labels entwickelt hat. Und das mit einer Filmauswahl, die sich nicht nur in schöner Regelmäßigkeit zwischen alle Stühle setzt, sondern dies sogar noch zum ästhetischen Programm erhoben hat. Neben ihrer außerordentlichen Klasse gibt es nämlich auf den ersten Blick relativ wenig, was Filme wie Narciso Ibáñez Serradors verstörenden Horrorfilm Ein Kind zu töten und Stuart Coopers Kriegsfilm Overlord verbindet. Vom satirischen Semi-Puppenspielfilm Marquis noch gar nicht zu reden, in dem der von einem Schauspieler mit Hundemaske verkörperte, am Vorabend der Französischen Revolution inhaftierte Marquis de Sade intensive Zwiesprache mit seinem sprechenden Penis hält.

Kurz gesagt, die von Baiersdörfer und Beneke in der Reihe »Drop Outs« zusammengestellten Filme lassen sich nicht so einfach auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Statt aber ein klar abzugrenzendes Publikum einer bestimmten Nische zu bedienen, geht es den Machern von Bildstörung tatsächlich um Horizonterweiterung. Dabei richtet man den Blick auf der Suche nach Vorbildern vor allem ins Ausland, wo die britischen »Masters of Cinema« und natürlich die über jeden Zweifel erhabene »Criterion Collection« längst Maßstäbe in der höchstqualitativen Aufbereitung von Kinogeschichte setzen. Im Hinblick auf die überaus liebevolle Präsentation, das aufwendig produzierte Bonusmaterial und die sorgfältige Filmauswahl muß man sich auch keinesfalls hinter diesen nur scheinbar übergroßen Vorbildern verstecken – was umso beeindruckender ist, da »Bildstörung« im Gegensatz zu diesen Labels, die sich in erster Linie dem klassischen Kanon der Filmkunst widmen, mit jeder Veröffentlichung in die Randgebiete des kontroversen, unterschlagenen oder verdrängten Films vordringt.

Gerade in dieser Abseitigkeit sieht Carsten Baiersdörfer auch eine große Chance, innerhalb des deutschen DVD-Marktes mit Erfolg eine qualitativ hochwertige DVD-Edition zu etablieren – jedenfalls solange man keine Ambitionen habe, so fügt er augenzwinkernd hinzu, zu den Global Players im Medienbusiness aufzusteigen. Im Verlauf der ersten zwei Jahre habe man sich durch Filmauswahl und Aufbereitung der bisherigen acht DVD-Veröffentlichungen bereits eine Gruppe treuer Kunden aufgebaut, die dem Labelprogramm so viel Vertrauen schenken, daß sie auch bis dato unbekannte Titel kaufen. Auf die Lust, sich auf ungewöhnliche und unerwartete filmische Erfahrungen einzulassen, setzen Baiersdörfer und Beneke mit »Bildstörung« – und bisher wohl auch mit einigem Erfolg, auch dank der engagierten Mithilfe zahlreicher Unterstützer unter Regisseuren, Autoren und Filmwissenschaftlern, welche die Produktion von exklusivem Bonusmaterial oder der umfangreichen Booklets erst ermöglichen.

Da also hier Kompetenz, Kreativität und die Liebe zum Kino zusammentreffen, hat sich »Bildstörung« innerhalb von nur zwei Jahren zur unverzichtbaren Edition für transgressives Kino im deutschen DVD-Markt entwickelt. Daß sich daran mittelfristig etwas ändern wird, ist nicht in Sicht, sind doch die nächsten vier Veröffentlichungen bereits angekündigt und verheißen Großes: Neben Jean-Claude Brisseaus Banlieue-Jugenddrama Lärm & Wut, Iván Zuluetas surrealem Horrorfilm Arrebato und Lodge Kerrigans Schizophreniedrama Clean, Shaven haben Baiersdörfer und Beneke mit The Life and Death of a Porno Gang vom jungen serbischen Regisseur Mladen Djordjevic ein bis dato weltweit noch unveröffentlichtes Juwel des neuesten Weltkinos entdeckt, das sicherlich und verdientermaßen von sich reden machen wird. 2010-11-08 11:50

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