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Eiszeit Kino

Die heiße Kinoseele eiskalt serviert

Die Weitergabe der Leidenschaft

Von Jochen Werner Das Berliner Kino Eiszeit wurde 1981 in einem besetzten Haus gegründet, feiert nun seinen 30. Geburtstag – und ringt immer aufs Neue um eine eigene Identität in einer sich rasant verändernden Kinokultur.

Das Eiszeit-Kino ist selbst in der vielfältigen Berliner Kinokultur immer schon etwas Besonderes gewesen. In einem Kreuzberger Hinterhof muß man ein paar Treppen hinaufsteigen, um die Räume des Kinos zu erreichen, das neben zwei Sälen noch eine schön schummrige Sitznische zu bieten hat. Bei alteingesessenen Berliner Cinephilen mag die etwas versteckte Lage Erinnerungen wecken an die Anfänge des Kinos. Im besetzten Haus in der Blumenthalstraße 13 wurde vor 30 Jahren das Eiszeit von Heinz Hermanns, heute Leiter des Kurzfilmfestivals interfilm, das 1982 im Eiszeit debütierte, und einer Handvoll von Mitstreitern für eine andere Kinokultur gegründet. Eine leerstehende Fabriketage wurde zweimal in der Woche zum Kinosaal, wo man auf einem 16mm- Projektor die Filme zeigte, die anderenorts nicht zu sehen waren: Kino aus dem Untergrund, oft ungeschliffen und politisch wie ästhetisch wagemutig. So entwickelte man, trotz eines jahrelangen Kampfes gegen die Berliner Stadtmagazine »tip« und »zitty«, die sich sträubten, das Programm in ihrer Kinoübersicht abzudrucken, ein Profil an der Peripherie des Westberliner Kinobetriebs – und erlangte Bedeutung auch und insbesondere als Zentrum der seinerzeit florierenden Super-8-Filmszene.

Nach der 1983 erfolgten Räumung des besetzten Hauses begann das Eiszeit eine Odyssee durch Westberlin: Zunächst tat man sich mit dem ebenfalls aus der Besetzerszene heraus gegründeten Frontkino zusammen, bis man 1985 jene Fabriketage in der Zeughofstraße bezog, die das Eiszeit bis heute beherbergt. Hier gelang es dann auch erstmals, an jedem Abend in der Woche ein Programm anzubieten – nicht nur Kino, insbesondere am Wochenende wurde das Eiszeit auch zum Schauplatz von Performancekunst und experimentellem Theater. Und 1986 gar zum veritablen Schlachtfeld: Nachdem Richard Kerns Film Fingered, ein Schlüsselwerk des »Cinema of Transgression«, der bereits auf der Berlinale einen Skandal provozierte und Festivaldirektor Moritz de Hadeln dazu bewog, eine Vorführung zu unterbrechen und sich vom Gezeigten zu distanzieren, überfiel eine Gruppe radikaler Feministinnen das Eiszeit, zerstörte den Projektor, verwüstete das Kino und stahl die Einnahmen.

Von solchen Kontroversen scheint das Kino heute dann doch ein Stück weit entfernt: »Es wird immer schwieriger«, so Suzan Beermann, die das Eiszeit seit 1990 leitet, »sich in der Berliner Kinolandschaft mit einer eigenen Identität zu profilieren. Die Kinokultur hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert.« Immer schwieriger, so erzählt sie weiter, sei es heutzutage, geistreiche, zu Diskussionen anstoßende Filme zu plazieren, in einem Markt, der durch eine Masse lauwarmer Filme aufgeschwemmt sei: »Es fehlt der Thrill in der Filmproduktion. Die wirklich interessanten Filme gehen, wenn nicht ein immenses Werbemaßnahmengeblubber dahintersteckt, unter vor lauter Larifari-Gedöns. Bestes Beispiel zuletzt war Kathryn Bigelows The Hurt Locker: Als der 2009 ins Kino kam, lief er bei uns im Eiszeit und keiner wollte ihn sehen. Als es dann absehbar wurde, daß er eventuell einen Oscar bekäme, setzte ich ihn nochmals ein und dann wurde es voll.«

Auf diese scheinbar immer weiter zunehmende Unlust des Publikums, sich auf unbekanntes filmisches Terrain zu begeben, reagiert Beermann mit einer kaum je versiegenden Flut neuer Ideen: Mit Filmreihen, Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen versucht sie unermüdlich, ein neues Publikum zu erreichen und neugierig zu machen auf die Vielfalt, die das Kino zu bieten hat. An monatlich stattfindenden Klassikerabenden läßt sie seit einem Jahr wechselnde Kuratoren jeweils einen Lieblingsfilm präsentieren – nebst Einführungsvortrag und einem von ihr selbst zubereiteten Essen. Bei Veranstaltungen wie dieser, die sie auch immer wieder für Menschen öffnet, die nicht unbedingt professionell oder akademisch mit Film zu tun haben, ist Suzan Beermann weniger an filmhistorischer Analysearbeit als an der Liebe zum Film gelegen: »Es geht um die Weitergabe der Leidenschaft.« Wir brauchen wieder mehr Kinos wie das Eiszeit. 2011-04-06 09:59

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