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Filmdienst Heidi Herzke

Mathias Beuth und Max Herzke (v.l.n.r.) bei der Kopienauslieferung im Jahr 1953

Road Movie

Von Carsten Tritt Anläßlich eines Besuchs meiner Alma Mater in Bochum war ich etwas überrascht, daß die Hauptsorge des dortigen Studienkreis Film ausnahmsweise weder die traditionell laue Finanzlage noch der immer akute Reperaturbedarf an den alten Ernemann VIII-Projektoren war, sondern daß Heidi Herzke aufhört.

Den Namen Herzke kennt jedes Kino im Ruhrgebiet. Der Filmdienst Heidi Herzke besorgte den Transport der Filmkopien vom Filmlager in Düsseldorf und zwischen den Kinos – pünktlich, und fast unsichtbar, abgesehen vom Lieferschein, der auf jede Kopie geklebt werden mußte. Daß dieser reibungslose Ablauf nicht selbstverständlich war, merkte mein Studentenkino nur deshalb, weil wir auch gelegentlich Sammlerkopien spielten. Diese wurden über übliche Paketdienste versandt, deren Mitarbeiter dann hilflos auf dem Campus umherirrten bzw. auch gerne die Kopie erst am Tag nach der eigentlich geplanten Vorstellung anlieferten. Heidi Herzke persönlich durfte ich nun kurz nach Schließung ihrer Spedition kennenlernen, als die intelligente wie zupackende Frau so freundlich war, mich in ihrer Wohnung in Ratingen ein wenig in die Firmengeschichte einzuweihen.

Bis in die Nachkriegszeit erfolgte der Filmversand noch per Bahn. Mathias Beuth betrieb damals eine Werkstatt, in der einige Verleihchefs ihre Autos warten ließen. Als die Tankstelle, der Beuths Garage angeschlossen war, wegen Umbauten geschlossen wurde, gründete er im November 1951 mit seinem Schwiegersohn Max Herzke eine Spedition, die – damals ein Novum – die Auslieferung von Kopien, Trailern und Werbematerial per Kraftfahrzeug vornahm. Nach dem Tod von Mathias Beuth und Max Herzke übernahmen die Ehefrauen, dann der Sohn Frank Peter, und schließlich, nach dessen frühem Tod, Heidi Herzke den Familienbetrieb. Ab den 1970ern wurde der Transportaufwand geringer – wegen des Kinosterbens, dem Rückgang der Jugendvorstellungen am Wochenende, der Einführung des bundeseinheitlichen Donnerstagsstarts. Was Heidi Herzke ausdrücklich nicht bedauerte, war zudem, daß gewisse Kinos, die ursprünglich ebenfalls beliefert werden mußten, von 35mm auf Video umstiegen bzw. von letzterem zeigenden Kabinen verdrängt wurden.

Die Haupttätigkeit verteilte sich ab den 1980ern auf Mittwoch und Donnerstag: Am Mittwoch koordinierte Heidi Herzke telefonisch mit den Kinos, wann welche Kopie abgeholt werden kann, um 19.30 Uhr begann die Filmauslieferung für die Folgewoche durch Nachtfahrer, die bis 3.00 Uhr mit den eingesammelten Kopien zurückkehrten. Was davon noch am selben Tag wieder eingesetzt werden mußte, sowie von anderen Spediteuren im Verleihbezirk Düsseldorf (der von der Grenze zu Niedersachsen bis nach Trier reicht) kam, wurde sortiert und durch zwei Fahrer und Heidi Herzke selbst bis zum Donnerstagmittag ausgeliefert, damit die Vorführer die Kopien rechtzeitig zur Nachmittagsvorstellung koppeln und vorbereiten konnten.

Nachdem in den 1990ern schon einige kleinere Verleiher auf zentralisierte Spedition umgestiegen sind, kamen Anfang 2010 einige Großverleiher auf die Idee, das Düsseldorfer Filmlager Conrad nur noch als Depot für die aktuelle Auswertung zu nutzen und ansonsten die Kopien selbst einzulagern. Als zudem zum Jahreswechsel 2011 diese Majors beschlossen, statt der Spediteure nun Paketdienste zu beauftragten, war das Ende des Filmdienstes Heidi Herzke besiegelt, jedenfalls fast. Denn daß auch defekte Kopien nicht mehr selbst an Sonn- und Feiertagen sofort ersetzt werden können, ist nun nur das kleinste Problem. Abgesehen davon, daß nicht jedes Kino einen Mitarbeiter abstellen wollte, von morgens bis zum Nachmittag auf den Paketdienst zu warten, und daß mittwochs gezeigte Kopien natürlich auch nicht mehr über Nacht an der nächsten Spielstätte waren, gab es die Nicht- oder Falschlieferungen. Nicht nur die ausgefallenen Vorstellungen, die neben dem Einnahmenverlust auch verstimmte Kundschaft bedeuten, sorgten somit für die erwartbare Mißstimmung zwischen Kinos und Verleihern. Zumindest die Übernachtkopien sollen deswegen wieder per Spedition versandt werden. Diese Aufgabe übernimmt nun der Inhaber des Filmlagers Conrad (inzwischen umfirmiert zur FMC Medienservice). Heidi Herzke koordiniert nun auf seine Bitte wieder den Kopienversandt – was von zahlreichen Kinobetreibern zumindest als Lichtblick gewertet wird. Als ich kürzlich wieder den Geschäftführer meines alten Studentenkinos sprach, war er jedenfalls froh, mir mitteilen zu können, daß Heidi Herzke nun für Conrad tätig sei. 2011-06-30 10:01

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