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Alexander Verlag

Bücher und Sorgfalt: Verleger Alexander Wewerka

Im Krebsgang

Von Kyra Scheurer »Herr Wewerka, sie haben ja die besten Leute versammelt – wieso kenn’ ich Sie nicht?«, bemerkte Michael Haneke angesichts der Verlagsvorschau des Alexander Verlags – um bald darauf seine »Nahaufnahme« dort publiziert zu sehen.

Nicht im »Was mit Medien«-Bezirk Prenzlauer Berg, nicht im neu proklamierten Kreativmekka »Kreuzkölln«, im gediegenen Charlottenburg findet man den Berliner Alexander Verlag. Und das paßt ganz gut, denn versteckt zwischen alten Damen mit Hündchen und pflaumenfarbenem Haar bietet Charlottenburg bis heute einer besonderen Spezies Zuflucht: dem Bildungsbürger alter Schule – und ein solcher ist Verleger Alexander Wewerka sicherlich. Als »Dilettant im guten Sinne« bezeichnet er sich selbst und meint damit, daß sein umfangreicher Schatz individuellen Geisteslebens und publizistischer Arbeitspraxis immer eine Portion mehr Interesse als Expertentum beinhaltet. Wobei »Interesse« hier durchaus einmal ins Genre »manische Begeisterung« changiert, denn Wewerka traut sich etwas, das ähnlich unmodern wie sein Heimatbezirk ist, er steht dazu, mit den Büchern seines nunmehr seit 1983 bestehenden Kleinverlags auch missionieren zu wollen. Wewerka ist einer, dem man glaubt, wenn er sagt »das Verkaufen ist nicht der Hauptimpuls, das ist meine eigene Begeisterung, die ich mitteilen will« – am deutlichsten belegt diese Aussage das an Nachhaltigkeit orientierte Verlagsprogramm selbst, das neben dem Hauptschwerpunkt Theater, dem Gesamtwerk Jörg Fausers und Ausflügen in bildende Kunst und Krimi ganz zentral auf der Säule Filmbuch ruht. Entstanden ist dieser längst zum Schwerpunkt ausgebaute Bereich eher zufällig: Zwar bestand über den engen Kontakt zum Theatermilieu ein natürlicher Draht zum Kino, die konkrete Keimzelle der verlegerischen Hinwendung zum Filmbuch bildeten aber ein befreundeter Drehbuchautor und ein Verlagsmitarbeiter, der eher Filmnerd als bibliophil war. Es bot sich die Chance, mit dem ersten Drehbuchmanual der amerikanischen Script Consultant Linda Seger und wenig später mit »Story« des schillernden Script-Gurus Robert McKee zwei Titel auf den deutschen Markt zu bringen, die zwar einerseits mittlerweile zu Standardwerken und damit Longsellern geworden sind, aber andererseits durch den amerikanischen Handbuchcharakter recht zusammenhangslos der sonstigen Verlagslinie gegenüberstanden. Da Wewerkas eigene cineastische Vorlieben klar im französischen Kino angesiedelt sind, lag nahe, hier ein Verbindungsglied zu suchen. Damit war dann einer der größten Verlagserfolge gefunden: Das etwas andere Handbuch zur »Praxis des Drehbuchschreibens « und »Über das Geschichtenerzählen « von Jean-Claude Carriere, der in diesen Tagen seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Der erste »richtig dicke Brummer« war dann Bazin, ein Kraftakt, der sich aber in der Rückschau für Wewerka gelohnt hat. Damit war eine Linie im Filmbuch begründet, die schließlich – ganz im Sinne Hanekes – die jüngste Marketinginitiative des Alexander Verlags im Depardieu-Zitat bündelt: »Film kommt aus Europa« sind Plakate, Anzeigen und Flyer überschrieben, die die zwei aktuellen Nachdrucke (Carriere und Rabenalt) und zwei Neuerscheinungen (Richard Blank zum Drehbuch und Thomas Knauf über seine Tage bei der DEFA) gebündelt publik machen sollen. Denn es wird zunehmend schwerer, mit Büchern Geld zu machen. Mit Filmbüchern jenseits von Starkult und »How to«-Schnelldrehern zu überleben, bleibt eine Herausforderung, der das Team vom Alexander Verlag – neben Wewerka drei Mitarbeiter plus Quartalspraktikant – täglich mit viel Idealismus und neuen Ideen begegnen muß. Viele Dinge wurden schon ausprobiert, von gemeinsamen Initiativen mit anderen Filmbuchverlagen bis zum E-Book-Download des Linda Seger-Buchs. Auch Fördergelder für einzelne Publikationen in Anspruch zu nehmen, muß nun überlegt werden. »Wichtig ist, daß man als kleiner, unabhängiger Geist versucht, eine Art Krebsgang zu finden, quer geht«, beschreibt Wewerka seine Taktik, und man möchte ihm für noch viele wunderbare, nachhaltige Bücher aus Europa und zum Film von Herzen alles Gute wünschen – zunächst für ein hoffentlich drittes gemeinsames Buchprojekt mit Dominik Graf und die Publikation eines bislang nicht übersetzten Werks von Chabrol und Rohmer über Hitchcocks erste vierzig Filme. 2012-04-03 16:45

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