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People on Sunday 2010

Summer School. V: ifs internationale filmschule köln, UCLA University of California.
Köln, 21.6.–31.7.10
© Paul Pieck

Experiencing Reality

Von Marieke Steinhoff Großstadtbilder begleiten den deutschen Film von seinen Anfängen bis heute: Berlin. Sinfonie einer Großstadt (1927), Menschen am Sonntag (1930), Unter den Brücken (1944/45), Der Himmel über Berlin (1987), Das Leben ist eine Baustelle (1997) oder zuletzt Filme wie Gespenster (2005) und Soul Kitchen (2009) – es scheint, als würden die Stadtbilder im Film immer auch etwas von den Träumen und Zwängen, von den Chancen und von den Verlusten der jeweiligen Zeit und der Menschen, die in ihr leben, erzählen.

Der Frage nach sich wandelnden Stadtbildern im Film ging die diesjährige Summer School der ifs internationale filmschule köln und der University of California, Los Angeles nach, indem ein Vergleich städtischer Repräsentationen gezogen und, geprägt von dem semi-dokumentarischen Film Menschen am Sonntag, das Leben in Köln 2010 ins filmische Visier gerückt werden sollte. Inspiriert wurde das Projekt insbesondere durch die weitgehend vergessene deutsch-amerikanische Filmgeschichte der 1930er und 40er Jahre, so Dr. Gundolf S. Freyermuth, Professor an der ifs und Initiator der Summer School, den Jahren also, in welchen talentierte Filmemacher wie Billy Wilder, Fred Zinnemann, Robert und Curt Siodmak ins Exil in die USA gingen und in Hollywood berühmt wurden.

Rund 80 Jahre später sollte der transatlantische Austausch nun im sommerlichen Köln stattfinden: Motiviert durch die Aussicht auf die interkulturelle Zusammenarbeit mit jungen Filmemachern jenseits des Atlantiks trafen hier jeweils fünf Studierende und Absolventen der UCLA und der ifs aufeinander, um in deutsch-amerikanischen Teams dem urbanen Leben der rheinischen Metropole nachzuspüren und zum Thema »Menschen am Sonntag 2010« vier Kurzfilme über das Leben in Köln zu drehen.

Erste Begegnungen fanden im Rahmen der akademischen Woche statt, welche die daraufhin folgende fünf Wochen umfassende praktische Filmarbeit einleitete. Diskutiert wurden vor allem das künstlerische Schaffen der Filmexilanten sowie das Sujet der Stadt im Film. Neben der Erarbeitung eines gemeinsamen Wissensstandes stand natürlich auch das Kennenlernen und die Gruppenfindung im Mittelpunkt der ersten gemeinsamen Tage.

Den Vorlesungen und Diskussionen vorangestellt wurde das Screening von Menschen am Sonntag im Filmforum im Museum Ludwig. Was hat also ein Film, der 1929 gedreht wurde, mit heutigen Großstadtwahrnehmungen gemein?

Menschen am Sonntag zeigt fünf junge Menschen (allesamt Laiendarsteller) an einem Sonntag in Berlin. Sie flanieren durch die Stadt, verlieben und entlieben sich, um dann am nächsten Tag in ihren Arbeitsalltag zurückzukehren. Gerade im ersten Drittel des Films zeigt sich die Faszination an der Bewegung (Autos, Straßenbahnen und Busse) und der Masse (eilende Passanten), ein typisches Merkmal deutscher Großstadt-Filme der 1920er Jahre. Darüber hinaus sieht man aber auch kleine Alltagsbeobachtungen, die mitnichten unzeitgemäß erscheinen, sondern erstaunlich nah an der heutigen Zeit sind. So merkten auch die Studenten beider Filmschulen an, daß man Menschen am Sonntag sein Alter nicht ansehe, sondern sich immer noch von den Geschichten angezogen fühle.

Was für Bilder vermittelt eine Stadt wie Köln nun rund 80 Jahre später? Nach mehreren Location-Touren durch Köln, gemeinsam verbrachten Filmabenden und Gesprächen mit Professoren der beiden Universitäten standen die vier Projekte fest: Eine junge Deutsche und ein Amerikaner lernen sich am Eingang der Lanxess Arena beim Public Viewing der WM-Spiele kennen und verbringen den Tag gemeinsam durch Köln schlendernd; ein deutsch-türkisches Liebespaar muß sich nach letzten gemeinsam verbrachten Stunden auf der Hohenzollernbrücke trennen; ein amerikanischer Künstler in der Schaffenskrise streift auf der Suche nach Inspiration durch Köln und findet durch Interviews mit Passanten auf der Straße zu neuen Ideen; ein Paar ist auf der Suche nach einem Platz, an dem sie ungestört miteinander schlafen können, in einer alten Fabrik finden sie kurz Ruhe, werden dann aber von Kindern gestört, deren Flucht zum Melatenfriedhof führt.

Fest steht, daß Köln nicht vergleichbar ist mit dem Berlin der 1920er Jahre – zu überschaubar, zu langsam erscheint die Rheinmetropole, gerade für die amerikanischen Filmemacher, die in Los Angeles leben und die erstaunt sind über die kleinen Gassen und kleinen Häuser. Was von Menschen am Sonntag bleibt sind zum einen die stilistischen und produktionstechnischen Vorgaben – der semi-dokumentarische Ansatz, der Verzicht auf professionelle Schauspieler, möglichst einfache Produktionsbedingungen – zum anderen inhaltlich der Blick auf die Menschen der Stadt, auf die Themen Liebe und Freundschaft. So verbindet die vier jeweils 15-20 Minuten langen Episoden, daß Menschen in Köln aufeinander treffen, sich verlieben, sich trennen; auffällig ist, daß es zumeist interkulturelle Pärchen sind, die gemeinsam durch die Stadt streifen und diese teils zweisprachig durchqueren. Nicht mehr so sehr die hektische Bewegung und die Masse faszinieren am gegenwärtigen Großstadtleben, sondern die Koexistenz verschiedenster Lebenswirklichkeiten, Sprachen und Herkünfte. Es scheint, als hätte der Begriff der Globalisierung den Begriff der Modernisierung endgültig abgelöst, und so repräsentiert sich Köln 2010 als eine Durchlaufstelle für Menschen verschiedenster Herkunft, die nicht wissen, wie lange sie wo bleiben werden, und die die Stadt benutzen, um ihren eigenen Lebensraum immer weiter auszudehnen.

Momentan befinden sich die Kurzfilme in der Postproduktion – ihre Premiere werden sie im Frühjahr 2011 feiern, diesseits und jenseits des Atlantiks. 2010-09-29 13:17
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