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FilmStoffEntwicklung 2010

Tag der Dramaturgie. V: VeDRA.
Berlin, 9.10.10
»Ambivalente Hauptfiguren« (Foto: Christine Kisorsy)

Befragung der Theorie für die Praxis.

Ein Gespräch mit der Filmemacherin Nina Schmitz über die Tagung und ihr Publikum.

Von Sarah Sander Wie die Geschichte erzählen? Wo anfangen, was weglassen? Was ist wichtig, bzw. was für einen Ton, was für eine Stimmung will ich kreieren? Und wie erzählt sich eigentlich ›Wirklichkeit‹ – durch Faktentreue oder durch Zuspitzung und Verdichtung? Das sind Fragen, die jeder, der Filme macht und jede, die schreibt, kennt; Fragen, die jedes Genre betreffen, die quasi universell quälend sind. Und doch stellen sie sich je nach Stoff und je nach Format etwas anders und immer wieder neu, wie der »Tag der Dramaturgie zur FilmStoffEntwicklung« am 9. Oktober in der Urania in Berlin zeigt. Auf der Tagung geht es darum, wie aus einem Bestseller oder einem Sachbuch ein funktionierender Film wird, was die besonderen Narrationsformate von Fiction- und Doku-Filmen, von Web-TV und Fernsehserie sind, wie ein Regisseur seine Charaktere glaubwürdig entwickeln kann und was die Aufgaben der Dramaturgie sind, sprich: wie Dramaturgen eigentlich arbeiten. Eine Tagung, die sich aus der Praxis an die Praxis wendet, die durch Fallstudien, Workshops, Werkstattgespräche, Filmanalysen und Podiumsdiskussionen Hinweise und Anregungen für alle Arbeitsbereiche des Filmschaffens und alle Genres der Filmstoffentwicklung gibt.

In einem Gespräch mit der Filmemacherin Nina Schmitz zeigt sich, was die Tagung ihrer Praxis zu bieten hatte – und das war nicht wenig. Auch wenn die junge Regisseurin und Drehbuchautorin bemängelt, daß es kaum Raum zum Austausch und Netzwerkknüpfen gab, hat sie doch aus allen besuchten Workshops und Panels etwas für ihre aktuelle Arbeit mitnehmen können, sagt sie im Interview. Nina Schmitz bezeichnet sich selbst als TransferArt Künstlerin und arbeitet zur Zeit an einer Serie, in der die Foto- und Filmkünstlerin aus Düsseldorf ihre Liebe zum Film und zu ihrer neuen Wahlheimat bündelt: »HappyTogether Berlin«.

Immer wieder weist Nina Schmitz in unserem Gespräch auf die hilfreichen Berichte aus der Praxis hin, ob sie von dem Panel »Vom Dokumentarfilm zum Kinofilm« berichtet, in dem Dorothea Neukirchen (Autorin und Coach) Alexander Adolfs Protagonistenentwicklung nachzeichnet, der zunächst einen Dokumentarfilm über Die Hochstapler drehte und auf diesen Recherchen den Kinofilm So glücklich war ich noch nie fußen ließ, oder ob sie von Anika Decker erzählt, der jungen Drehbuchschreiberin, die gemeinsam mit Til Schweiger Keinohrhasen und Zweiohrküken entwickelt hat und auf dem Panel »Wie erzählt man Liebe?« von den zähen Schwierigkeiten beim Schreiben einer Romantic Comedy berichtet – und daß am Ende die besten Gags doch immer von jemand anders kommen. Die Diskussionsrunde zu »Chancen und Herausforderungen des Web-TV« haben Nina Schmitz darüber nachdenken lassen, was die Vor- und Nachteile von Serienplatzierungen und -finanzierungen im Fernsehen und im Netz sind, die Podiumsgespräche über »Ambivalente Hauptfiguren« und »Horizontales und vertikales Erzählen in der Fernsehserie« tut sie mit dem resignierten Kommentar ab, Einschaltquoten seien doch eigentlich eine fiktive Welt von Statistikern und Fernsehleuten!

In unserem Gespräch kristallisiert sich immer mehr heraus, daß es zwei Blickrichtungen auf oder von der Tagung gibt: Auf der einen Seite beschäftigten sich eine Reihe von Workshops und Panels mit Fragen der Stoffentwicklung in der Vorproduktionsphase, während des Drehbuchschreibens und der Recherche. Der Workshop »Intuitive Techniken der Charakterfindung« zählte ebenso dazu wie die Filmanalyse von So glücklich war ich noch nie oder das Podiumsgespräch zu »Ambivalenten Hauptfiguren in der Fernsehserie«. Auf der anderen Seite wurde in Werkstattgesprächen, Case-Studies und Praxis-Panels erörtert, was die Aufgaben der Dramaturgie in der Produktionsphase sind, was ihre Methoden und was ihr Blick auf den Film: Die ewige Suche nach dem roten Faden, dem Kern, dem Puls, bzw. dem Baukasten, aus dem sich der Rhythmus, das Herz des Films dann ergibt. Die Panels zur »Dramatisierten Wirklichkeit«, d.h. zu dramaturgischer Arbeit im Dokumentarfilm, zu »Horizontalem und vertikalem Erzählen in der Fernsehserie« waren hier ebenso hilfreich wie die Werkstattgespräche zu Wüstenblume, Goethe oder Wohin mit Vater?, die die dramatischen und dramaturgischen Entwicklungen der Filme aus einem Bestseller, einer Biographie und einem Sachbuch nachzeichneten. Für Nina Schmitz, die Regisseurin, deren eigenes Serienprojekt sich zur Zeit in der Entwicklungsphase befindet, waren v.a. die Analysen und Strategien der Charakter- und Plotentwicklung interessant. Für mich als Theoretikerin eher die Narrations- und Dramaturgieanalysen. Doch beides hatte seine Entsprechungen im Tagungsprogramm. 2010-10-27 16:38
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