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sehsüchte 2011

40. Internationales Studentenfilmfestival der HFF Konrad Wolf. D 2011. L: Sarah Penger, Esther Rothstegge.
Potsdam-Babelsberg, 2. – 8.5.11
Sehsüchtig erwartet: Tuba Atlantic (Hallvar Witzø, 2010. © Karl Erik Brøndbo)

The Desire to Desire

Von Marieke Steinhoff Vom 2. bis 8. Mai ist Sehsüchte dem internationalen Filmnachwuchs wieder Plattform und Sprungbrett. »Schnitt« sprach mit dem Festivalteam über die deutsche Studentenfilmszene und das diesjährige Programm.

Das Studentenfilmfestival Sehsüchte feiert dieses Jahr Jubiläum und geht bereits in die 40. Runde. Wo seht ihr Kontinuitäten, wo Veränderungen im Profil des Festivals im Hinblick auf diese doch recht lange Zeitspanne?

In den 40 Jahren ist natürlich viel passiert – Sehsüchte wurde als »Studentenfilmtage des FDJ« 1972 gegründet und verschwand dann nach der Wende erstmal von der Bildfläche. 1995 holten es Studenten der Medienwissenschaft zurück ins Leben. Darin liegt sicherlich eine Kontinuität von Sehsüchte: jedes Jahr sind es ausschließlich Studenten, die das Festival organisieren und gestalten. Da hat sich bis heute nichts dran geändert, obwohl wir inzwischen Europas größtes internationales Studentenfilmfestival sind und 2010 etwa Preise im Wert von über 45.000 Euro an Filme aus 30 Ländern vergeben haben. In 40 Jahren haben sich viele Geschichten angesammelt – auf die blicken wir dieses Jahr in Ausstellungen, Gesprächen und Sondervorführungen zurück, da sind sehr spannende Sachen dabei…

Jedes Jahr kommen neue Leute, die in einem Jahr eingearbeitet werden, im nächsten Jahr die Ressortleitung übernehmen und im dritten Jahr schon nicht mehr an der Uni studieren. Die Kontinuität findet sich somit in der ständigen Veränderung wieder. Das kann super stressig sein, ist aber auch großartig, weil der Input an Ideen und Elan einfach wahnsinnig hoch ist. Verschiedene Teams legen verschiedene Schwerpunkte, und jedes Team will noch eins »drauflegen«. Wohl deshalb ist Sehsüchte kein kleines, niedliches Festival mehr, das von Studenten mal so nebenher organisiert wurde, sondern ein professionelles Festival, das über Monate hinweg geplant und organisiert wird und inzwischen andere Festivals locker in den Schatten stellt. Das sieht man alleine schon daran, daß wir 2011 über 8 Tage hinweg zwei Festivalstandorte bespielen, zu den Filmen zahlreiche Workshops und ein umfangreiches Rahmenprogramm anbieten und mit Sektionen wie dem »pitch!«, der Drehbuchlounge oder auch dem Kinderfilmblock sehr breit aufgestellt sind und vielen verschiedenen Filmprojekten in unterschiedlichen Stadien eine Plattform bieten.

Kontinuierlich gewachsen sind mit dem Angebot von Sehsüchte auch die mediale Aufmerksamkeit und die Akzeptanz in der Branche.

Junge Filmemacher aus der ganzen Welt können bei euch ihre Filme präsentieren – wo seht ihr im internationalen Vergleich die Stärken und Schwächen der deutschen Studentenfilmszene?

Deutsche Filmstudenten bekommen eine fundierte technische Ausbildung, die Filme bestechen durch eine hohe Qualität in der Machart. Man sieht den Filmprojekten an, daß die deutschen Filmhochschulen einfach sehr gut ausgestattet sind. Manchmal fehlt den Studenten der Mut, Filme zu drehen und Stoffe zu behandeln, die nicht sofort auf der Hand liegen, was dazu führt, daß sich viele Filme sehr ähneln. Man würde sich manchmal wünschen, hierzulande mehr Genres zu sehen, vielleicht mal einen Zombiefilm, einen Western, Science Fiction- oder Horrorfilm. Das liegt aber sicherlich auch an dem Druck, kommerziell auswertbare Filme zu produzieren. Dem kreativen Klima und der Lust, Sachen auszuprobieren, tut das sichtlich schlecht. Um so schöner ist es gerade in diesem Jahr, wie viele großartige Einreichungen wir aus den deutschsprachigen Ländern haben. Das wird im Programm auch klar zu sehen sein.

Grundsätzlich fehlt der deutschen und der internationalen Szene unserer Ansicht nach der Austausch. Jede Filmhochschule braut ihr eigenes Süppchen. Wir glauben, daß Gutes nur aus Vernetzung und Austausch entstehen kann und legen bei Sehsüchte deshalb in diesem Jahr besonders viel Wert darauf.

Gibt es eurer Meinung nach eine ausreichende mediale Aufmerksamkeit hinsichtlich des jungen deutschen Films oder fällt die Berichterstattung eher gering aus?

Ausreichend ist die mediale Aufmerksamkeit schon – aber eben so konzentriert auf ein paar große Namen, gerade Schauspielernamen: Bleibtreu, Gwisdek, Herzsprung, Brühl, Herfurth und so weiter. Es ist schade, daß so wenig Mut oder Interesse in den Medien herrscht, unbekannte Gesichter zu fördern oder sich mal mit Filmen von noch nicht etablierten Regisseuren und eben auch Studenten auseinanderzusetzen. Es gibt natürlich schöne Gegenbeispiele, wie etwa die Reihe der »rbb movies«. Und Sehsüchte ist und will natürlich Plattform sein für den jungen Film – deutsch und international.

Finden viele der Filme, die ihr bei Sehsüchte zeigt, auch ihren Weg ins Kino? Was für eine Rolle spielt dabei die Auswertung bei Sehsüchte?

Für viele junge Filmemacher ist es schwierig einen Verleih zu finden, der ihren Film mit aufnimmt und die Kinoauswertung übernimmt. Grund dafür ist selten die Qualität der Filme sondern eher die Zurückhaltung von Seiten der Verleihfirmen. Sehsüchte bietet diesen Filmen eine Öffentlichkeit und damit eine besondere Plattform. Durch die Möglichkeit des Austauschs zwischen Filmstudenten und Professionals aus der Branche während des Festivals kann sich hier natürlich auch für den einen oder anderen eine Türe in Richtung des großen Marktes öffnen.

Nahezu jedes Jahr gibt es Filme, die es ins Kino schaffen oder die durch die Aufmerksamkeit, die ihnen bei Sehsüchte zuteil wird, auf weiteren Festivals laufen und dort Preise gewinnen. Man kann also schon sagen, daß Sehsüchte für einige Filmemacher eine Art Startrampe oder Sprungbrett sein kann. Im Rahmen des diesjährigen Jubiläums wird es sogar einen Filmblock geben, der sich nur mit Filmen beschäftigt, die in den letzten 40 Jahren des Festivals für den Oscar nominiert waren. Dadurch soll auch gezeigt werden, daß Sehsüchte sich stets um eine qualitativ hochwertige Filmauswahl bemüht hat und weiterhin bemüht. Das bestätigt nicht zuletzt die Arbeit einer prominent besetzten und kompetenten Jury, die jährlich aufs Neue zusammengestellt wird, um die besten Filme auszuzeichnen.

Läßt sich schon absehen, welche Themen die diesjährige Ausgabe des Festivals dominieren?

Es ist schwierig, von dominierenden Themen zu sprechen. Auffällig ist dieses Jahr die Masse an Filmen, die sich mit politischen und sozialen Themen auseinandersetzen. Etwa Europa und Deutschland als Orte der Privilegien, mit ihren Grenzen und deren Überschreitung. Da gibt es Flüchtlinge, werden Kinder aus fremden Ländern adoptiert und das Verlorensein in der Fremde thematisiert. Auch Alter und Tod sind in diesem Jahr ein Thema. Ein kompletter Block beschäftigt sich damit; so wird zum Beispiel ein dementer Mann von seiner Frau auf eigenen Wunsch angezündet, ein anderer Mann baut eine Zeitmaschine, um mit seiner sterbenskranken Frau an die Orte ihrer Jugend zu fahren. Es hat uns überrascht, daß dieses Thema auch in Studentenfilmen solch eine große Aufmerksamkeit bekommt.

Das Programmressort war beim Sichten besonders begeistert von Twist and Blood einer liebevoll erzählten Coming-of-Age Geschichte eines übergewichtigen Jungen vom polnischen Regisseurs Kuba Czekaj. Weitere Spielfilmtips sind das Flüchtlingsdrama Silent River, die optimistische Identitätssuche Frontalwatte, die norwegische Tragikomödie Tuba Atlantic sowie Kamakia, die Dokumentation einer Suche nach den sagenumwobenen Verführern Griechenlands. Sehr ergreifend ist auch die Dokumentation Halabja – The Lost Children, die sich mit dem größten Giftgasmassaker an Zivilpersonen seit dem Zweiten Weltkrieg im Irak befaßt.

Eines kann man also auf jeden Fall schon sagen – es wird wieder sehr international!
2011-04-14 11:59

Gesprächsparnter

Sarah Penger (Leitung), Eric Ryhiner (Fokus), Anna Jakisch und Hauke Jebsen (Programm), Daniela Reisinger (Jubiläum) und Lisa Basten (Presse)

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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