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26. Mannheimer Filmsymposium

Regie-Handschriften: zwischen Genre, Stil und Handwerk. V: CINEMA QUADRAT.
Mannheim,14. – 16.10.11
Dominik Grafs Deutschland 09-Beitrag Der Weg, den wir nicht zusammen gehen

Freiheit oder Zwang? Autorenfilm zwischen Arthouse und Genre

Von Peter Gutting Ein Autorenfilmer ohne eigene Handschrift – ist das möglich? Natürlich nicht. Aber das zugespitzte Paradox am Beispiel von Fatih Akin, der sich dagegen wehrt, auf eine Handschrift festgelegt zu werden, zeigt die Bandbreite der Problematik von Freiheit und Vorhersehbarkeit. »Regie-Handschriften zwischen Genre, Stil und Handwerk« lautete das Motto des 26. Mannheimer Filmsymposiums vom 14. bis 16. Oktober im kommunalen Kino »Cinema Quadrat«. Das Forum für Regisseure, Theoretiker und Zuschauer bot eine angeregte und facettenreiche Debatte über Konzepte wie »Auteur«, Weltsicht und Persönlichkeit. Ganz bewußt bezog das Programm all die vielfältigen Möglichkeiten ein, der Filmindustrie ein kleineres oder größeres Stück Individualität abzutrotzen.

Es ging also nicht in erster Linie um jene Filmemacher, bei denen man schon nach 30 Sekunden erkennt, daß es sich um ein Werk von Antonioni, Rohmer oder Visconti handeln muß. Sondern das Thema wurde durchdekliniert an Beispielen von Handschrift-»Verweigerern« wie Fatih Akin, an TV-erfahrenen Polizeifilmspezialisten wie Dominik Graf, an Genre-Leuten wie Nicholas Ray oder Anthony Mann sowie im Werkstattbericht von Nachwuchs-Regisseurin Brigitte Bertele, die ihren Erstling Nacht vor Augen vorstellte. Völlig konträr zu den Genre-Zwängen, also auf der anderen Seite des Spektrums zwischen Freiheit und Pflichterfüllung, stand das »Omnibus«-Projekt Deutschland 09, dessen außergewöhnliche Produktionsbedingungen der Berliner Produzent Dirk Wilutzky erläuterte.

Schon zu Beginn wurde deutlich, daß man den Begriff »Handschrift« nicht auf stilistische Eigenheiten einengen sollte. So präsentierte sich Dominik Graf mit Der Skorpion (1997) zunächst als reiner Diener seines von ihm verehrten Drehbuchautors Günter Schütter. »Selbst wenn alle den Film schrecklich finden, habe ich meine Verpflichtung erfüllt, wenn der Autor sagt, so habe ich es mir vorgestellt«, spitzte Dominik Graf seine These in gewohnt angriffslustiger Weise zu. Stilistische Merkmale des Films wie lange Einstellungen oder die spezielle Farbästhetik tat er mit praktischen Erwägungen ab, etwa mit einem Zeitgewinn beim Drehen durch weniger Lichtumbauten.

»Handwerk ist wichtiger als Manierismen«

Dennoch war spürbar, wie sehr die Weltsicht von Günter Schütter auch Grafs eigene ist – und damit seine eigenen Stilmittel sich den Autor suchen, der ihm den passenden Stoff liefert. Graf bekannte sich im Verlauf des Gesprächs dann auch offen zu seinen Vorlieben: dem Gespür für die Topographie einer Stadt, für den Schmutz der Straße, für die Reibung zwischen verschiedenen Welten und für das Tempo US-amerikanischer Polizeithriller. Allerdings sei ihm das Handwerk allemal wichtiger gewesen, als sich »um Manierismen zu kümmern«.

Daß man einen Autorenfilmer nicht daran erkennt, wie sehr er sich von einer fremden Buchvorlage durch ein genuin eigenes filmisches Konzept abhebt, wurde auch in der Diskussion mit Regisseurin Brigitte Bertele deutlich. Für sie ist Texttreue und persönliche Handschrift überhaupt kein Widerspruch. »Ich muß mich mit dem Text völlig identifizieren und möchte ihn aus seiner eigenen Intention heraus umsetzen«, sagte die Nachwuchsregisseurin, die in Nacht vor Augen das Drehbuch ihrer Studienkollegin und Freundin Johanna Stuttmann verfilmte. Für die persönliche Handschrift des Regisseurs sei der fremde Stoff keine Beschränkung. Schließlich hätten auch große Theaterregisseure wie Robert Wilson ihren unverwechselbaren Inszenierungsstil entwickelt – gerade in der kongenialen Umsetzung von fremden Texten.

Um zu illustrieren, wie subjektiv der inszenatorische Zugriff eines Regisseurs ausfällt, erzählte Brigitte Bertele von einer Übung an der Filmhochschule. Die Studenten bekamen die Aufgabe, ein Stück von Harold Pinter zu verfilmen. Jeder Regisseur sollte eine Szene übernehmen, Schauspieler und Dekoration waren gleich. Im Idealfall hätte man die Szenen hintereinander hängen können. Aber in der Realität paßte nichts zusammen. Allein in der Frage, wie man eine Szene auflöst und in welchem Tempo man sich dreht, spiegeln sich die unterschiedlichen Temperamente und Persönlichkeiten.

»Konkurrenzdruck gefährdet Inhalte«

Daß die Handschrift auch zum Fluch werden kann, wenn man sie rein stilistisch und nicht als Ausdruck der Persönlichkeit begreift, bemängelte Dominik Graf mit Blick auf die Konkurrenz an den Filmhochschulen. In einem System, das jährlich 200 Absolventen auf den Markt werfe, sei jeder gezwungen, sich durch Alleinstellungsmerkmale von anderen abzugrenzen. Irgendwann gehe es nur noch um formale Besonderheiten und nicht mehr um Inhalte.

Ein gewisser Fluch ist die Erwartung an bestimmte ästhetische Eigenheiten auch für Regisseure, die sich bewußt gegen eine Kontinuität in ihrem Werk entscheiden. Wer sich ausprobieren und immer neu erfinden wolle, laufe Gefahr, nicht in gleichem Maße wahrgenommen zu werden wie Kollegen, deren Werk sich auf einen Nenner bringen lasse, konstatierte Medienpädagoge Ernst Schreckenberg. Er denkt dabei unter anderem an Michael Winterbottom und Bertrand Tavernier.

Aber ist Michael Winterbottom deshalb kein Autorenfilmer? Doch, meinte Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger. Er plädierte für einen erweiterten Begriff des Autorenfilms. Die Handschrift sei dabei nur ein Aspekt unter mehreren. Genauso wichtig sei die Weltsicht des Regisseurs, bei Winterbottom etwa das Thema, daß man seiner Familie niemals entkommen könne. »Man kann sich vom Begriff des Autors nicht befreien«, sagte Stiglegger mit Blick auf strukturalistische Ansätze der Filmtheorie. Entscheidend sei aber, daß man das Konzept des Auteurs als Spannungsmodell begreife und nicht als Analyseinstrument.

Auteurs im Hollywood-System

Den Blick zurück in die Entstehung der »Politique des Auteurs« warf Filmkritiker Gerhard Midding. Er zeigte auf, wie die jungen Kritiker der »Cahiers du Cinema« und späteren Nouvelle-Vague-Stars um Francois Truffaut und Jean-Luc Godard den US-Regisseur Nicholas Ray für sich entdeckten und gegen das damalige französische Kino der »Tradition de la Qualité« ins Feld führten. Das Entscheidende bei Ray sah die Nouvelle Vague darin, daß er kein Erfüllungsgehilfe des Drehbuchs gewesen sei, sondern banale Geschichten mit spezifisch filmischen Mitteln geadelt habe. An Ausschnitten aus They live by Night (1947), aber auch aus Party Girl (1959) oder Bigger than Life (1956) zeigte Midding, was die Nouvelle Vage an Ray so liebte: seine persönlichen Themen, die er ins Studio-System sozusagen hineinschmuggelte, wie etwa das Motiv Männer, die an der Liebe scheitern. Allerdings zog Midding die Einschätzung der Cahiers-Autoren in Zweifel, daß Ray die (allesamt fremden) Drehbücher gering schätzte oder gegen sie arbeitete.

Auch Anthony Mann war ein »Hollywood-Auteur«, wie Filmwissenschaftler und Kunsthistoriker Ralf Fischer nachwies. Mann habe in verschiedenen Genres – Film Noir, Western, Monumentalfilm – seine Kritik an der amerikanischen Gesellschaft untergebracht, an Ausbeutung, Gewalt und Identitätsverlust. Seine Zeichnung von Charakteren und vor allem die Grenzverwischung von Gut und Böse seien dem damaligen Studio-System (und der herrschenden Politik) eigentlich völlig konträr gewesen. Aber anhand überzeugender Ausschnitte machte Fischer deutlich, wie etwa durch die Wahl der Einstellungen die eigene Handschrift innerhalb der Genre-Regeln sichtbar wird.

Weder mit Genre-Vorgaben noch mit sonstigen Restriktionen mußten sich die 13 Regisseurinnen und Regisseure herumschlagen, die sich mit ihren Kurzfilmen an Deutschland 09 beteiligten. Produzent Dirk Wilutzky berichtete, hier sei die Idee gewesen, »so persönlich wie möglich« auf die aktuelle gesellschaftliche Lage in Deutschland zu reagieren. Dabei sei mehr als nur die Handschrift zum Vorschein gekommen, nämlich die »Seele des Regisseurs« und eine künstlerische Wahrheit, die dem Filmemacher eine große Freiheit bei der Wahl seiner Mittel läßt. Nicht alle Symposiumsteilnehmer waren jedoch der Meinung, daß Freiheit in jedem Fall der Garant für Qualität ist. Dominik Graf, der an dem Deutschland 09-Projekt ebenfalls beteiligt war, vertrat die These, daß es Regisseure gibt, die »besser werden, wenn sie in Formate gezwungen werden und aus den Vorgaben etwas machen müssen.« Für ihn ist der Autorenfilm im TV-System manchmal besser aufgehoben als im Arthouse-Kino. Mit der Hand zu schreiben hat eben auch etwas mit »Handwerk« zu tun. 2011-10-21 14:49
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