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FilmStoffEntwicklung 2011

FilmStoffEntwicklung 2011 – Tag der Dramaturgie. D 2011. V: in den Veranstaltungsräumen des Verlags »Der Tagesspiegel«.
Berlin, 5.11.11
Liebevolle Analysen des Körpertausch- und Zombie-Genres (Foto: Christine Kisorsy)

Die Position des Knochens

Von Daniel Bickermann Kongresse und Fachtagungen spiegeln häufig die Mentalität der repräsentierten Berufsgruppe wider, von den bacchanalischen Zusammenkünften der Sportökonomen bis zu den haarsträubend neurotischen Wortmeldungen auf psychologischen Fachtagungen. Interessant wird es, wenn Berufsgruppen, die zumindest im Klischee und nicht selten auch in der Realität in einer halb-autistischen Abgeschiedenheit arbeiten, sich plötzlich wie auf Kommando ins selten erlebte Sonnenlicht und sogar in die Gesellschaft anderer Menschen begeben, um sich in der vermeintlichen Sicherheit der Kollegen über die neusten Tricks und Trends ihres kreativen Handwerks auszutauschen. Den Editoren bei der alljährlichen Schnitt-Preisverleihung Film+ beispielsweise oder den Special-Effects-Nerds, die inzwischen bei den Oscars ihre eigene kleine Vorab-Zeremonie erhalten haben, merkt man die überwundene Schüchternheit und die Scheu vor dem ungewohnten Rampenlicht deutlich an.

Und auch die Drehbuchautoren und Dramaturgen mußten ihr eigenes Klischee, wenn nicht sogar ihre eigene Natur überwinden, um zum zweiten Mal zu dem vom Verband der deutschen Dramaturgen VeDra organisierten »Tag der Dramaturgie« zu pilgern. Vom modernen Gothic-Piercing bis zum traditionellen Rollkragenpulli war alles vertreten, als die vielen Fach- und wenigen Privatbesucher in überraschend großer Zahl durch das moderne, helle Tagesspiegel-Gebäude strömten. Glücklicherweise wurde sofort klar, daß sich das Raumbelegungschaos aus dem letzten Jahr nicht wiederholen würde: Damals standen in der etwas piefigen Urania drei Säle sehr unterschiedlicher Größe zur Verfügung, so daß in den kleinsten Räumen immer wieder zahlende Besucher abgewiesen werden mußten, da nicht einmal mehr Stehplätze zu haben waren. In der diesjährigen Location war das zugegebenermaßen undankbare Dilemma der Raumverteilung für jeweils drei zeitgleich stattfindende Veranstaltungen dank ausgeglichenerer Größen kein großes Problem mehr. Noch immer gab es viel Gedränge und einen wünschenswerten Ansturm, aber letztlich fand selbst in den überlaufendsten Veranstaltungen jeder einen Platz. Allein der soziale Aspekt blieb erneut ein wenig auf der Strecke, da die Veranstaltungsplanung leider die beiden hervorstehenden Charaktereigenschaften des deutschen Dramaturgentums sträflich unterschätzt hatten: Das Überziehen von Veranstaltungen und den Genuß von großen Mengen Kaffee. Mit den mageren 15 Minuten Pause zwischen den einzelnen Veranstaltungsblöcken war beides gleichzeitig nicht möglich, von einer Toilettenpause oder einem Plaudern mit Kollegen ganz zu schweigen. Aber daß man sich überhaupt beeilte, um in die nächste Veranstaltung zu kommen, ist ja zumindest ein gutes Zeichen für die Programmplanung.

Denn inhaltlich wurde erneut großartige Arbeit geleistet: Von Rezeptionsforschung über neue Dramaturgie-Ansätze bis zu Fallstudien herausragender deutscher Serien; vom buntesten Fernseh-Mainstream bis zum vom Aussterben bedrohten deutschen Zombiefilm war für jede Geschmacksrichtung ein Vortrag oder eine Diskussionsveranstaltung dabei. Wobei die Qualität der Moderation durchaus Schwankungen unterlag. Gerade beim Aufeinandertreffen von Dramaturgen und Autorenfilmern öffnete sich nicht selten eine Kluft zwischen überbildeten Theoretikern und intuitiven Praktikern, die nicht immer überbrückt werden konnte. Roland Zag etwa, Autor des zurecht hochgelobten dramaturgischen Standardwerks »Der Publikumsvertrag«, war mit seinen Gästen, dem Jungregisseur Jakob Ziemnicki und dem Filmemacher-Geschwisterpaar Dietrich und Anna Brüggemann, sichtlich überfordert, da diese auch anhand etwas willkürlich ausgesuchter Filmbeispiele dem von ihm herbeigesehnten Trend zur deutschen »Dramedy« im Kino nicht wirklich folgen mochten. Es ist dem Unterhaltungstalent Dietrich Brüggemanns zu verdanken, daß er mit minütlichen Bonmonts wie »Eitelkeit ist der Tod der Komik« und »Es gibt nur eine Lösung: sehr, sehr klug sein« eine im Prinzip totgeborene Veranstaltung für das Publikum zumindest interessant hielt. Daß gute Dramaturgen manchmal auch gute Moderatoren sein können, bewies dagegen Gunther Eschke, der sich bei seiner Fallstudie zu Ralf Husmanns Stromberg nicht nur sehr vertraut mit den Hintergründen der Produktion erwies, sondern auch als hervorragend vorbereitet: Anhand Originaldrehbüchern in unterschiedlichen Fassungen und Husmanns Originalkommentaren dazu breitete er eine vollständige Innensicht des Scripting-Prozesses dieses modernen Klassikers der deutschen Fernsehlandschaft vor dem begeisterten Publikum aus.

Auch sonst zeichneten sich viele Branchenexperten mit ungewöhnlichen Fähigkeiten aus. Die schönsten Filmbeispiele zeigte der Dramaturg und Dozent Norbert Maass, als er sich mit äußerst präzisen, aber trotzdem liebevollen Analysen durch das Körpertausch- und Zombie-Genre ackerte. Das schmissigste Zitat des Tages prägte André Georgi, als er die dramaturgische Grundsituation von zwei Hunden, die sich um einen Knochen streiten mit der Frage erweiterte: »Was aber, wenn eine Figur in der Position des Knochens ist?« Und der Preis für die kreativste Wortschöpfung ging durchaus überraschend an die hochschwangere Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann, die mit dem Begriff der »Entkrassung« durchaus in die Annalen der Dramaturgie eingehen dürfte.

Das übliche »Redakteurs-Bashing«, das auf solchen Veranstaltungen immer herangezogen wird, wenn mal wieder ein Schuldiger gesucht wird für die erbärmliche Qualität der deutschen Fernseh- oder Kinolandschaft (die ja dank Fernsehfinanzierung zu 90% ebenfalls Redakteurs-abhängig ist), hielt sich dagegen in diesem Jahr angenehm in Grenzen. Auf den Podiumsdiskussionen wurde die Redakteure freundlich empfangen und nur sehr selten vom Publikum mit ideologisch aufgeladenen Fragen belästigt, und der vom Drehbuchagent auf die Produzentenseite gewechselte Veteran Ingo Fliess prophezeite gar einen „Aufstand der Redakteure“, der zu neuen qualitativen Experimenten führen würde. Solche Hoffnungen hegen zwar nur noch die Romantiker der Branche, aber daß es qualitativ im deutschen Film- und Fernsehbereich noch reichlich Raum nach oben gibt, scheint bei den anschließenden, nicht selten leidenschaftlichen Diskussionen Konsens zu sein unter den Drehbucharbeitern des Landes. Wobei solche klug organisierten und meisterlich programmierten Veranstaltungen wie der Dramaturgentag auf dem Weg aus der Misere schon einen wichtigen und hilfreicher Schritt darstellen. 2011-11-16 13:40
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