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Festival der Filmhochschulen München 2011

Internationales Festival der Filmhochschulen München 2011. D 2011. L: Andreas Gruber.
München, 13. – 19.11.11

Die talentierten Nachwuchsfilmer

Eine kleine Nachlese zum Internationalen Festival der Filmhochschulen in München 2011

Von Sven Weidner In die 31. Runde ging in diesem Jahr das Internationale Festival der Filmhochschulen in München. Eine statthafte Anzahl von Jahren, bedenkt man, daß in den letzten Jahren Filmfestivals über den ganzen Globus verteilt wie Pilze aus dem Boden schossen. Wetteifernd um die Gunst der Zuschauer, der Jury und schlußendlich potentieller zukünftiger Produzenten werfen die Filmemacher ihren Hut in den Ring. Und selbstredend schielen alle Festivals – oder zumindest die meisten – danach, in einer möglichst hohen Liga mitspielen zu dürfen. Am Horizont prangen verheißungsvoll die Namen Cannes, Venedig, Berlin, ja auch Locarno, Toronto, oder Karlovy Vary. Ganz unbestritten: in Bayerns Kapitale gibt es weder die elegante Croisette, flankiert vom tiefblauen, schäumenden Meer und überteuerten Restaurants, noch den morbiden Canale Grande und geschichtsträchtigen Lido, noch einen flirrenden Festivaldirektor, der mit rot wehendem Schal mit den Filmgrößen aus aller Herren Länder kokett wie jovial zu parlieren vermag; es gibt aber auf dem Münchener Filmhochschulfestival eines ganz sicher: eine Konzentration von sehenswerten, teils mutigen, teils auch verspielten, noch nicht ganz ausgegorenen Neuheiten aus den verschiedenen Gattungen des Mediums Film. Und ein weiteres Plus: der intensive wie rege intellektuelle Austausch über das Gesehene und Hervorgebrachte und über den Film mit all seinen kühnen Entwicklungen. Ein Austausch, der bei anderen, pompöseren Festivals unter dem Glamourgetöse rasch wie Nebelkerzen wirkt, so er denn überhaupt zustande kommt. Im Zentrum, so meint man, stehen bei den vielen populären Festivals nicht mehr die Filme, sondern in allererster Linie die penetrante Starmaschinerie.

Heuer fand die Eröffnung des Festivals in der neu erbauten HFF München statt. Während die alte HFF im einstigen Arbeiterviertel Giesing in einem Bau aus den – jetzt geratenen 1950er Jahren – untergebracht war und aufgrund ihrer überschaubaren Größe einen unübersehbar familiären Touch hatte, ist der neue Kubus, halb aus Glas, halb aus mattierten Beton, gleichsam kühl wie mächtig und dennoch sympathisch einladend.

Inmitten des Münchener Museumviertels in der Uni-Gegend Maxvorstadt befindet sich die neue HFF zwischen alter und moderner Kunst. Vis à vis die Alte Pinakothek mit ihren sattsamen, barocken Holländern, schräg gegenüber die Pinakothek der Moderne, die zuweilen auch filmische Installationen im Programm hat; es existieren also Quellen der Inspiration für die angehenden Filmemacher.

Autorenfilmer und Filmidealisten wie Wim Wenders, Dominik Graf, Uli Edel, Mika Kaurismäki oder Bernd Eichinger sind ebenso Absolventen der Münchner HFF wie die jüngere Generation um Hans Christian Schmid, Sönke Wortmann, Marcus H. Rosenmüller oder auch Christoph Hochhäusler. Sie alle malen auf ihre sehr unterschiedliche und erkennbare Weise am großen Filmfresko mit und haben Bewegendes, auch Innovatives wie Tiefgründiges geschaffen. Und auch der physisch immer präsente Grafenspros Florian Henckel von Donnersmarck, der mit seinem Stasi-Drama Das Leben der Anderen die nostalgischen Gefühle der Amerikaner wiederbeleben konnte, sowie Filmkreischer Roland Emmerich, der halt in all seinen Filmen den technischen Krawallmacher gibt, kommen von der HFF München. Der Bogen in das Reich des Autorenfilms ist ebenso gespannt wie zum Fernsehen und in das ferne Hollywood.

Ganz »comme il faut« wurden zur Eröffnung und vor den Eröffnungsfilmen verschiedene Reden aus dem Bereich der Politik, der HFF selbst und den Organisatoren der Filmhochschulfestivals gehalten. Neben den üblichen Dankesreden war die Bewegtheit bei einigen der Redner durchaus zu spüren, die solche Momente mit sich bringt, denn immerhin ist die neue Hochschule eine hoffnungsvolle Zäsur einerseits, und die Einweihung andererseits der Augenblick, der all die Mühen, Unwägbarkeiten, vielleicht auch Enttäuschungen noch einmal, wenn auch nur kurzzeitig, aufflackern läßt.
Alle auf dem Festival gezeigten Filme waren entweder Kurzfilme oder längere Kurzfilme, die schon auch mal eine Dauer von 20 Minuten oder mehr hatten. Für einen Kritiker sind Kurzfilme ein Segen und ein Fluch gleichermaßen. Ein Segen, weil die einzelnen Sichtungen kurz, die Themen und Storys überschaubar sind. Ein Fluch, da man aus der Kürze noch einmal die Essenz herausdestillieren und am Besten kurz nicht auf einen, sondern den Punkt schlechthin bringen muß.

Die Eröffnungsfilme waren dann gleichsam eine Mischung aus schwerer wie leichterer Kost. Natalie Spinell von der HFF München hat in ihrem Film Viki Ficki die ambivalenten Gefühle der elfjährigen Viki zum Thema, deren Mutter Pornodarstellerin ist, weshalb sie in der Schule viel Hohn, Häme und eine geballte Menge an Vorurteilen zu ertragen hat. Fast dokumentarisch, mit viel Nähe zu ihren Charakteren und unpathetisch wird die Mutter bei der Arbeit gezeigt oder Viki in der Schule. Als die Schüler die Aufgabe bekommen, die Berufe ihrer Eltern mit einem Referat vorzustellen, wagt Viki den Schritt, indem sie vielleicht etwas zu gelassen den Beruf der Mutter wie den eines Arztes beschreibt. Es ist ihre Befreiung vom Unausgesprochenen und ihr Signal, daß sie zu ihrer Mutter steht. Unbestritten ist dies der dramatische Höhepunkt des ganz und gar konventionell, ja beinahe bieder inszenierten Films. Der sozialkritische Impetus ist wichtig und sinnvoll, ein wertvoller Beitrag und Appell an die Notwendigkeit, innere Denkschranken abzubauen. Inwieweit es dem Film gut tut, daß die elfjährige Viki bisweilen spricht wie eine Erwachsene, ist fraglich. Und inwieweit es überzeugt, daß der Konflikt zwischen Mutter und Tochter eher klein gehalten und auf die Mitschüler von Viki übertragen wird, könnte sicherlich zur Diskussion stehen.

Kafkaesk und humorig die tragisch-komische Geschichte vom serbischen Filmemacher Vladimir Tagic mit dem Titel Stevan M. Zivkovic, wie auch der Held der Geschichte heißt. Stevan, der als Elektriker beim ortsansässigem Fernsehsender arbeitet, wird versehentlich für Tod erklärt. Und von hier nimmt die Geschichte ihren humorvollen, halbtragischen, aber vor allem absurden Lauf: Allmählich – auch unter dem Einfluß des Fernsehsenders und der anderen Medien – glauben Stevans Mitmenschen an seinen Tod, selbst seine Ehefrau, was schlußendlich in seiner Beerdigung gipfelt. Alle Versuche Stevans, seine Mitmenschen vom Gegenteil zu überzeugen, bleiben erfolglos. In den 22 Minuten erzählt der Filmemacher viel vom Leben und Funktionieren einer serbischen Kleinstadt, von ihren Menschen und deren Gewohnheiten. In kleinen Passagen und Etappen, in denen Stevan bei verschiedenen Menschen den Irrtum aufklären will, wird die Fehlbarkeit jedes einzelnen liebevoll offengelegt. Das reicht vom inkompetenten und phlegmatischen Arzt über den völlig abergläubischen Nachbarn bis hin zum obrigkeitsdenkenden Arbeitskollegen von Stevan. In vielen Halbnahaufnahmen können wir einerseits die Emotionen der Figuren mitbekommen – etwa wenn Stevan mit seiner Frau auf dem Sofa sitzend durch das Fernsehen von seinem Tod erfährt – und andererseits das Umfeld erkennen, in denen sie sich jeweils bewegen, so daß der Fokus nicht ganz auf das Innere der Figur gerichtet ist. Grandios das Spiel der Darsteller, die in ihren Rollen authentischer nicht sein könnten. Der Gesichtsausdruck des Hauptdarstellers Slavko Stimac, der ebenso wenig wie Josef K. weiß, welche finsteren und unsichtbaren Mächte sein Leben aus dem Ruder laufen lassen, ist einzigartig genial. Beim anschließenden Publikumsgespräch sagte der anwesende Filmemacher, er habe lediglich einen Film über Menschen in einer serbischen Kleinstadt machen wollen. Ein Understatement freilich, da dieser inhaltlich wie ästhetisch überaus überzeugende Film mehr ist.

Denn sie wissen nicht, was sie tun, oder genauer, tun sollen, könnte man über eine kleine Gruppe Jugendlicher sagen, die ihren Alltag damit verbringen in die Schule zu gehen, Motorrad zu fahren, mit Mädchen in schmuddeligen Wohnwägen zu vögeln und nebenbei den an Epilepsie erkrankten Klassenkameraden massiv zu hänseln. Magnus von Horn läßt in seinem Beitrag Utan Snö / Bez Sniegu die Handlung auf die unerwartete Katastrophe zulaufen, die darin mündet, daß der Vater des gedemütigten Jungen zwei Jugendliche der Clique beim Versuch dieser, erneut Radau zu machen, erschießt. Einer der Angeschossenen stirbt. Von Horn vermag es durch seine visuelle Herangehensweise das Verlorensein und die Orientierungslosigkeit seiner Protagonisten in ihrer tristen Umgebung plausibel zu machen. Mit entsättigten Farben, manchmal fast grobkörnig anmutend führt er in vielen Totalaufnahmen in die topographische Leere des Handlungsortes ein. Eine Leere und Hoffnungslosigkeit, die sich in die Seelen seiner Jungs ebenso eingenistet hat wie eine Gleichgültigkeit, die zuweilen, und auch nur kurz aufbricht, wenn sie sich ihrer Situation bewußt werden. Einzelne Plansequenzen oder Sequenzen mit sehr wenig Schnitten verdeutlichen die Monotonie des Lebens, die Gleichförmigkeit, der die Protagonisten nicht entrinnen können. Einzig ihre ziellosen Fahrten mit dem Motorrad oder kleine Wettrennen heitern ihr Dasein auf. Es ist ein Ventil, das Motorrad und Motorradfahren, unter den Helmen können sie sich verstecken, ihre Identität zudecken, und ein klein wenig Freiheit aus ihrer Unfreiheit gewinnen. Die Motorradsequenzen sind bisweilen in slow-motion abgedreht, das Gefühl der Jungs, wenigstens in diesen für sie wertvollen Momenten der Zeit und der Realität zu entkommen, sich ihrer zu entheben wird hierdurch noch einmal mehr intensiviert. Selbst das Bild, in dem der gehänselte Junge den angeschossenen und sterbenden Mitschüler, der ihn immerfort gedemütigt hatte, in den Armen hält, das fast eine Pietà assoziiert, ist anmutig. Der Schnee, die karge, unbewohnte Landschaft, das Haus aus dem der schießende Vater herausstürmt, mit der Absicht, den Quälereien ein Ende zu bereiten, all diese Komponenten verdichten sich in dieser Szene, die in eine enorme Helligkeit und ins Nichts überzugehen scheint; und die schreiende Stille, die Sprachlosigkeit wie Handlungsunfähigkeit aller, die Kühle der Umgebung wie der Menschen durchziehen unerbittlich den Film. Genau aus diesen Elementen, die in ihrer Filmsprache virtuos umgesetzt sind, zieht dieser Film seine Kraft. Brilliant.

Zwei völlig unterschiedliche Lebenssituationen, die aufgrund äußerer Umstände zusammenkommen, kommen in der Dokumentation Eisblumen von Susan Gordanshekan zur Sprache. Mehr aus einer Not heraus und keineswegs aus Überzeugung kümmert sich Amir, der sich ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland aufhält, um die demente Frau Osterloh. Parallel dazu werden zunächst ihre individuellen Lebensumstände erzählt, dann ihr Aufeinandertreffen, ihre Konflikte, aber ebenso jene raren wie flüchtigen Augenblicke, in denen sie Interesse und Verständnis für den anderen aufbringen können. Mit einer Handkamera, immer nah an den Protagonisten dran, ohne viel Brimborium wird diese Begegnung bebildert.

Der Himmel voller Geigen ist stilistisch und inhaltlich ein Portraitfilm im besten Sinne des Wortes. Uisenma Borchu nähert sich in großer Verneigung der betagten 89jährigen Geigenlehrerin und passionierten Musikerin Irmgard Hitzig. Gedreht ist der Film ausschließlich in ihren Wohnräumen, die zugleich Schule für ambitionierte Studenten der Geige ist. Hitzigs Vitalität, ihre sanfte Bestimmtheit und ihre geistige Wachheit beeindrucken, und obwohl die Dame aufgrund ihrer altersbedingten Rückenverkrümmung kaum mehr aufrecht sitzen kann und physisch gebrechlich und klein wirkt, verströmt ihre Präsenz etwas Würdiges. In vielfachen Gesprächen erfährt der Zuschauer Bruchstücke aus ihrem Leben, und die Kamera ist auch zugegen, wenn sie unterrichtet. Ihre Liebe zur Musik, zur Komposition und den Instrumenten überstrahlt ihr Leben und auch ihre Einstellung zu politischen Fragen. Selbst beim zweiten – leider sehr unbeholfenen – Versuch der Filmemacherin, Irmgard Hitzig zu entlocken, daß der Widerstand von Hitzigs Vater gegen die Nazis aus heutiger Sicht bewundernswert sei, replizierte die alte Dame sinngemäß, daß das Verhalten ihres Vaters für seinen Werdegang nicht klug gewesen sei. Auf die politische Weit- und Einsicht der Geigenvirtuosin kann sich jeder selbst seinen Reim machen. Problematisch an den Film ist, daß nach gut der ersten Hälfte die Luft raus ist und die Gesprächsinhalte eindeutig redundant sind, also nichts Erhellendes mehr zu bieten haben.

Zu erwähnen ist dann noch der Film Les Trous Noirs des Franzosen Lilian Corbeille. Linear, ohne besondere filmische Mittel, wird ein nächtlicher Ausflug eines jungen Mannes namens Julien erzählt, der übermütig seiner Freundin oder wem auch immer imponieren will. Kleine-Jungen-Spiele, wie das Licht ausmachen, um seine Freundin zu ängstigen, gehören dazu. Im Verlauf des Ausflugs legt er sich mit Bikern an, die ihn in einer unspektakulären Verfolgungsjagd zum Anhalten zwingen und kurzerhand zusammenschlagen. Soweit, so schlecht. Worauf der Film abzielt, und warum der Filmemacher diesen drögen, dramaturgisch trägen und visuell einfältigen Film gemacht hat, ist nicht erkennbar; und ebenso ist die Motivation der Jury, diesen Beitrag für den Hauptpreis auszuwählen, nicht erklärbar. Die Jury attestiert dem Film auf der Webseite des Festivals: »Ein wuchtiges Drama über das Erwachsenwerden«. Wo der gut 20minütige Film eine Entwicklung des Charakters zum Erwachsenwerden erkennen läßt und wo das Drama Wucht vermuten läßt bleibt schleierhaft. Eine blutige Nase ist dann doch ein bißchen wenig, um die Pubertät hinter sich zu lassen. Übersetzt heißt der Filmtitel »Die schwarzen Löcher«, und es scheint, daß bei dieser Entscheidung das gesunde Urteilsvermögen der Jury dahinein gesogen wurde.

Erfreulich und spannend ist, das zeigen auch die besprochenen Beispiele, wie die Filmemacher im Großen und Ganzen ihren eigenen Visionen und Stilen treu bleiben und diese umsetzen – und mitnichten auf publikumswirksame, substanzlose Filme setzen. 2011-12-30 12:16
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