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Die Jahreszeit des Glücks

Stestí. CZ/D 2005. R,B: Bohdan Sláma. K: Divis Marek. S: Jan Danhel. M: Leonid Soybelman. P: Negativ, Pallas u.a. D: Pavel Liska, Tatiana Vilhelmová, Anna Geislerová, Zuzana Kronerová u.a.
100 Min. Neue Visionen ab 20.4.06

Das Wir gewinnt

Von Jutta Klocke »Hab' keine Angst.« Dieser kleine Satz, der sich gewöhnlich als Appell an einen ins Unbekannte Aufbrechenden richtet, fällt in Die Jahreszeit des Glücks mehr als einmal. Hier aber wird er in stiller Gewißheit denjenigen fast wie ein Geheimnis anvertraut, die gerade nicht die Abkehr, das Neue anstreben, sondern im Gegenteil das vielleicht noch größere Wagnis des Bleibens oder gar der Rückkehr eingehen. Im Zentrum steht die junge Tschechin Monika, die hin- und hergerissen ist zwischen einer perspektivlosen Zukunft im Supermarkt ihrer Heimatstadt und einem Neubeginn im verheißungsvollen Amerika, wo ihr vorausgegangener Freund Jára sie erwartet. Aber Monikas Konflikt ist nur der offensichtlichste neben vielen anderen. Um sie herum, in der engen Gemeinschaft der Nachbarn einer Wohnsiedlung nahe der örtlichen Fabrik, müssen sich Familie und Freunde Tag für Tag aufs Neue zwischen Resignation und Verantwortung, zwischen Aufgabe und Hinwendung entscheiden.

Um den tristen Schauplatz der Handlung zu skizzieren, benötigt Regisseur Bohdan Sláma nur wenige Motive. Eine karge Hippiekneipe, die anonyme Architektur des Wohnblocks, ein verwahrlostes Gehöft und die regelmäßig im Hintergrund qualmenden Fabriktürme legen aber nur die äußeren Koordinaten fest, in denen die Figuren ihr Leben zu meistern versuchen. Das Innere dieses Mikrokosmos wird aus festen Banden eines Miteinanders zusammengehalten, welche die Vermutung, Sláma habe ein rein sozialrealistisches Porträt der tschechischen Gegenwart entwerfen wollen, Lügen straft. Immer wieder werden den unwirtlichen Orten Momente der Geborgenheit, der Schönheit entlockt. Eine Bootsfahrt auf dem direkt an die Fabrikanlage grenzenden See, ein Tanz in der verlotterten Aussteigerbar oder eine sommerliche Geburtstagstafel im Hof – all das sind Augenblicke, in denen das zu spüren ist, was der internationale Titel so treffend vage »Something Like Happiness« nennt. Und es ist kein Zufall, daß es sich dabei stets um Situationen eines Zusammenhaltes, eines Sich-Kümmerns handelt.

Denn falls es in Slámas leisem Drama ein Glücksprinzip geben sollte, so beruht dies auf der Erkenntnis, daß der Mensch in der Gemeinschaft mit anderen lebt und daher nicht nur für sich allein Verantwortung trägt. Für Monika geht dieses Prinzip auf, wenn auch nicht ohne Schmerz und Schwierigkeiten. Indem sie auf ihre Abreise verzichtet, um sich der Söhne ihrer psychisch labilen Nachbarin anzunehmen, gibt sie nicht nur ihrem Leben eine sinnstiftende Perspektive, sondern auch dem ihres Kindheitsfreundes Toník, der sie in unerwiderter Liebe unterstützt und den Part des Pflegevaters übernimmt.

Und doch ist Die Jahreszeit des Glücks auch kein modernes Märchen, das die Probleme seiner Figuren verschleiert oder auf ein grobes Schwarzweiß reduziert. Vielmehr nimmt sich nicht nur die Erzählung, sondern selbst die Kamera viel Zeit, um die Figuren in ihrem Findungsprozeß – oder auch in ihrem Stillstand – zu begleiten. Nur selten durchtrennt ein Schnitt den Fluß einer Szene oder einer Bewegung, die Kamera folgt und sucht lieber nach den Personen als sie nur um der Veränderung des Blickwinkels willen loszulassen. In der Verweigerung einer Fokussierung allein auf die Protagonisten bleibt auch die Peripherie sichtbar, welche die emotionale Zerrissenheit der Charaktere erst nachvollziehbar macht. Denn das Glück ist bei Sláma in keiner Jahreszeit zu finden, sondern in dem zerbrechlichen Raum zwischenmenschlicher Beziehungen, wo eine Absage an die eigenen Interessen oder Standpunkte nicht eine Selbstaufgabe, sondern gerade die so oft woanders gesuchte Selbstverwirklichung bedeutet. Diesen Raum zu erhalten und ihn gegen die Einflüsse der rauhen Lebenswirklichkeit zu schützen, dazu braucht es weit mehr Mut als sich ihm zu entziehen wie beispielsweise Jára. Daß sich das Risiko aber lohnt, diese Überzeugung wird in den anfangs erwähnten drei Worten wie auch in den immer wieder aufschimmernden Momenten der Zuversicht auf unaufdringliche Weise vermittelt. 1970-01-01 01:00

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