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Jeder schweigt von etwas anderem

D 2006. R,B: Marc Bauder, Dörte Franke. K: Börres Weiffenbach. S: Rune Schweitzer. M: Bernhard Fleischmann. P: Bauderfilm, ZDF.
72 Min. Gmfilms ab 14.9.06

Privatssicherheit

Von Carsten Tritt Die Qualität einer Dokumentation erschöpft sich ja nicht im Konkreten. Denn wenn man sich in der Ansicht bestärken lassen will, daß die DDR ein übler Unrechtsstaat war, so gibt es hierfür längst zahlreiche Quellen, wie auch derjenige, der die DDR nur für eine kommode Diktatur hält oder meint, daß früher ja auch nicht alles schlecht war, an anderer Stelle fündig werden wird, wenn er nur unbedingt will.

Auch über das Leben der Protagonisten – Anne Gollin, Utz Rachowski, Matthias und Tine Storck – vermittelt diese Dokumentation wenig Konkretes. Das Zentrale, daß alle mal aus politischen Gründen verhaftet wurden, ihnen gegebenenfalls die Kinder weggenommen wurden oder sie von der Bundesrepublik freigekauft wurden, wird kurz eingeblendet und erwähnt, ebenso, was sie heute machen, ohne darauf mehr als nötig einzugehen. Dabei wird die erlittene Unterdrückung gerade doch, indirekt, in den Film eingeführt: Anne Gollin spricht z.B. von einem Gespräch mit einem sich rechtfertigenden Stasi-Mitarbeiter auf einem Fest der SED-Nachfolgepartei, oder die Eheleute Storck holen ein Tonband aus dem Schrank, auf dem kurz nach der Wende eine Gefängnisaufseherin meint, sie habe sich nichts vorzuwerfen, und behauptet, die Gefangenen immer anständig behandelt zu haben.

Der Film Jeder schweigt von etwas anderem verzichtet darauf, das mitzuteilen, worüber man wohl reden könnte, und untersucht gerade die fehlende Möglichkeit, über das Vergangene zu sprechen, nicht gerade gegenüber dem Zuschauer – sämtliche Protagonisten haben sich schon zuvor, in Büchern, Vorträgen mit ihrer politischen Verfolgung auseinandergesetzt. Vielmehr gibt es gerade in der engsten Familie diese Punkte, die nicht angesprochen werden.

Als nach Ende des Dritten Reiches der Parlamentarische Rat den Schutz der Familie in Artikel 6 des Grundgesetzes verankerte, geschah dies als Antwort auf die Erfahrungen mit der vergangenen Diktatur, die bis in die innerfamiliären Verhältnisse eingriff und diese für sich mißbrauchte. Das Grundgesetz sollte nunmehr also jedem Menschen einen Bereich zusichern, aus dem sich der Staat herauszuhalten hatte, um so ein Mindestmaß an zwischenmenschlicher Intimität zuzusichern.

Die Dokumentation wirft einen Blick auf solche Beziehungen, die brüchig geworden oder zerstört worden sind. Matthias Storck hat etwa erst nach dem Tod seines Vaters aus Stasi-Akten erfahren, daß dieser dem MfS zugearbeitet hat – sein Vater hatte nie darüber gesprochen. Anne Gollins Vater macht seine Tochter immer noch mitverantwortlich dafür, daß sie damals verhaftet wurde, und Gollin erwähnt, ihr Sohn, von dem sie aufgrund ihrer Haft jahrelang getrennt war, habe mal zu ihr gesagt, sie sei mehr ein Freund für ihn denn eine Mutter. Aus diesen Versatzstücken sucht sich der Film ein Bild eben dieser Beziehungen zwischen Eltern und Kind, das eben nicht nur für die konkreten Protagonisten gilt, sondern das auch Abstrakt die Wesentlichkeit dieser menschlichen Bedürfnisse illustriert. Jeder schweigt von etwas anderem ist ein sehr sehenswerter Film, aber eben nicht ein Historienfilm über eine untergegangene Diktatur.

Anne Gollins Sohn hat an dem Film nicht mitgewirkt. Nur ganz am Ende ist er kurz aus einiger Entfernung zu sehen, wie er mit seiner Mutter spricht. Der Inhalt des Gespräches bleibt dem Zuschauer unbekannt. Die Qualität eines Dokumentarfilms zeigt sich auch manchmal darin, daß die Filmemacher ihre Grenzen kennen. 1970-01-01 01:00
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