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Jetzt oder nie – Zeit ist Geld

D 2000. R,B: Lars Büchel. B: Ruth Toma. K: Judith Kaufmann. S: Bettina Vogelsang. M: Max Berghaus, Dirk Reichhardt, Stefan Hansen. P: Lichtblick, Mr. Brown. D: Gudrun Okras, Elisabeth Scherer, Christel Peters u.a.
Senator ab 14.12.00

Drei alte Damen

Von Matthias Grimm Warum dreht heutzutage noch jemand eine Komödie über drei alte Damen und ihre vergebliche Jagd auf das große Geld? Genau aus demselben Grund, aus dem andere Leute Komödien über Debile, Homosexuelle oder pubertierende Jugendliche machen: weil sie als funktionalisierte Personengruppe Zugriff auf einen speziellen Gagkatalog gewähren.

Alte Damen sind lebensweise, furchtlos und für Überraschungen gut. Sie haben Galgenhumor, keine Männer mehr und nicht mehr lange zu Leben. Als letzter Lebensfunke bleibt die Hoffnung auf eine gemeinsame Kreuzfahrt, doch als das Geld dazu gestohlen wird, schwindet auch dieser. Einziger Ausweg scheint ein Banküberfall, womit das ungewohnte Terrain geschaffen ist, auf dem sich die Figuren fortan bewegen und der Lächerlichkeit preisgeben werden dürfen. Glücklicherweise bleiben sie dabei stets Menschen, werden von Regisseur Lars Büchel nie auf ihre reine Funktion reduziert, es sind Personen, die, aus ihrer Verzweiflung und Furcht getrieben, zu extremen Maßnahmen gezwungen werden.

Jetzt oder nie erschafft einen Mikrokosmos, der die Absurdität des Altersheims zu einem Bollwerk der Menschlichkeit gegen den Wahnsinn der »neuen Welt« macht, die nur noch aus Selbstzweck zu funktionieren scheint. Er schafft eine Bühne für drei große Damen des deutschen Films, der leider allzu selten Möglichkeiten wie diese bietet, das Potential in Würde ergrauter Mimen voll auszuspielen. Zuletzt tat dies Kalt ist der Abendhauch, dessen Muster für eine charmante und urkomische Nebenhandlung in Jetzt oder nie für einen ganzen Spielfilm herhalten muß.

Natürlich genügt der Schalk im Nacken heute nicht mehr, um das junge Massenpublikum ins Kino zu locken, weswegen Büchel die Behäbigkeit und Nonchalance der Aktion mit moderner Kameraführung zu kontern versucht: ein Fehler, wie sich zeigt. Kamerafahrten und schnelle Schnitte berauben den Film seines Zaubers, ungewöhnliche Perspektiven wirken aufgesetzt, bemüht interessant, als habe jemand Angst gehabt, sein Film könne langweilig werden, wenn gerade mal nichts passiert. Ein nicht enden wollendes Kontingent an Gaststars soll auch den letzten Teenie überzeugen: Dies ist kein Rentnerfilm! Denn das ist Jetzt oder nie wirklich nicht, und vielleicht ist das auch sein größter Fehler: Zu oft bleibt der Witz an der Oberfläche, zu zweidimensional, überkarikiert erscheinen die Figuren innerhalb des »neuen Spießertums«.

Und so kommen wir zu der einführenden Frage zurück: Warum dreht heutzutage jemand so einen Film? Doch eigentlich nur, weil wir schon genug Filme über Debile, Homosexuelle und pubertierende Jugendliche haben. 1970-01-01 01:00

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