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Mein Bruder der Vampir

D 2001. R: Sven Taddicken. B: Matthias Pacht. K: Daniela Knapp. S: Jens Klüber. M: Putte. P: Gambit, teamWorx u.a. D: Roman Knizka, Hinnerk Schönemann, Marie Luise Schramm, Julia Jentsch, Alexander Scheer u.a.
93 Min. Pegasos ab 26.9.02

Pflock ins Herz

Von Jutta Klocke Eine heftigst pubertierende Vierzehnjährige, die sich bis ins Detail auf ihr »erstes Mal« vorbereitet, ein geistig Behinderter, der seine sexuellen Bedürfnisse entdeckt, und ein junger Mann, der sich in Beziehungsdingen nur schwer zurechtfindet – das sind dankbare Ausgangspunkte, aus denen sich leicht ein Film zaubern läßt. Die Ideen sind nicht ganz neu, aber scheinbar immer wieder aktuell: Teenie-Sexklamotten à la American Pie haben derzeit Hochkonjunktur. Behinderte und ihre Belange werden gern ins Zentrum eines Films gerückt, um beim Publikum ein Bewußtsein für ihre Situation zu schaffen und Berührungsängste abzubauen. Und die Problemchen, die das Knüpfen erster Bande mit dem anderen Geschlecht mit sich bringt, gehören zum Standardrepertoire des Kinos. Die Frage, was ein Film wie Sven Taddickens erstes abendfüllendes Werk, das alle drei Themenkomplexe zusammenführt, noch Neues bieten kann, scheint also durchaus berechtigt. Hat man Mein Bruder der Vampir jedoch gesehen, so steht einem die Antwort klar vor Augen: Wichtig ist eben weniger, was erzählt wird, sondern vielmehr wie.

Obwohl es dem Drehbuchautoren Matthias Pacht durchaus ein Anliegen war, die durch ein behindertes Kind auftretenden familiären Konflikte authentisch darzustellen, zeichnet sich der Film gerade durch seine Absage an eine realistische Präsentation des Stoffes aus. »Überhöhung« heißt das Prinzip, das Taddicken hier wie auch schon in seinen Kurzfilmen verfolgt. Dieses Prinzip erstreckt sich bis hin zu den realistischen Schauplätzen wie der trostlosen Reihenhauszeile oder dem verlassenen Spielplatz einer Hochhausanlage, denen aufgrund der innovativen Bildgestaltung eine Art magische Aura verliehen wird. Eine märchenhafte Stimmung liegt über der Handlung, und so verwundert es kaum, wenn Manu, der Schwarm der 14jährigen Nic, während eines Überfalls auf einen Nachbarjungen plötzlich die (Play-back-)Stimme erhebt und vor den Augen des Opfers einhertänzelt.

Die Figur des Manu, gespielt von Alexander Scheer, macht ohnehin recht deutlich, daß die überhöhte Darstellung keinem reinen Selbstzweck dient, sondern vielmehr inhaltlich motiviert ist: Jeder der Protagonisten hat sich ein Selbstbild geschaffen, das zwangsläufig an der Realität seines Ichs vorbeigeht, wie zum Beispiel der behinderte Josch, der sich nur in der Rolle des »Fürsten der Nacht« wirklich sicher fühlt. Die Entwürfe des eigenen Ichs sind vor allem aus medialen Vorbildern gespeist. Während sich der Kleinstganove Manu an den lässig-lasziven Posen der Videoclip-Idole oder aber an den weltgewandten Gesten eines Mafiabosses versucht, versetzt der unsichere Sicherheitsbeamte Mike, Bruder und Vater-Ersatz für Nic und Josch, seinen unspektakulären Job in Gedanken in die fiktionale Welt amerikanischer Polizeifilme. Die Kamera spielt mit, indem sie den Darstellungsstil der jeweiligen Vorbilder zitiert, und läßt so die Phantasien für einen Augenblick (filmische) Wirklichkeit werden. Sie wird zum Spiegel der inneren Konstitution der Figuren, die bei der Konstruktion des eigenen Selbstbildes auf dasselbe Prinzip zurückgreifen wie der Regisseur.

Die Kamera ist es jedoch auch, die den Zuschauer immer wieder daran erinnert, daß die märchenhafte Überhöhung eben doch nur eine Projektion der Figuren ist und nicht die tatsächliche Realität widerspiegelt. In Bewegung und Geschwindigkeit paßt sie sich – unterstützt durch die passend unterlegte Musik – den jeweiligen Situationen an. Spannung und Enge, hervorgerufen durch die familiären Konflikte, finden damit ebenso ein stilistisches Pendant wie die Imaginationswelten der Figuren. Das gelungene Ergebnis dieses Wechselspiels ist eine poetische Komödie mit tragischen, bisweilen auch grotesken Zügen, die sowohl Pachts als auch Taddickens Anliegen gerecht wird. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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