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Mein Mann Picasso

Surviving Picasso. USA 1996. R: James Ivory. B: Ruth Prawer-Jhabvala. K: Tony Pierce-Roberts. S: Andrew Marcus. M: Richard Robbins. D: Anthony Hopkins, Natascha McElhone, Julianne Moore, Joan Plowright, Joss Ackland u.a.
125 Min. Warner ab 2.1.97
Von Dirk Steinkühler »Schön war's«, wird mancher Zuschauer nach dem Besuch des neuen James-Ivory-Films sagen, ebenso wie es einige Kunstfreunde nach der Betrachtung einer Picasso-Ausstellung äußern würden. Diese Einschätzung treffen vor allem die Besucher, die nicht hinter jedem Bild eine Aussage über die politische Lage, den Zustand der Gesellschaft oder die psychische Verfassung des Künstlers finden müssen, sondern sich vornehmlich an den ästhetischen Qualitäten einiger Werke ergötzen. Und wie einem nicht jedes Werk Picassos gefallen muß, gibt es auch in Ivorys Film Szenen, die nicht in jedermanns Auge bestehen werden.

Vollmundig ist Mein Mann Picasso genau dann, wenn die unter der wie immer exzellenten Ausstattung verborgene Ironie zum Vorschein kommt oder die Akteure angestaute Emotionen entladen dürfen. Einige Szenen spiegeln treffsicher z.B. Picassos Verhältnis zum Kommunismus und zeigen uns herrlich überzeichnete Charaktere wie seine verlassene Ehefrau Olga. Andere leben von der überbordenden Spielfreude des Picasso-Darstellers Anthony Hopkins, der zur Hochform aufläuft, wenn er wieder einmal in sein Horn blasen darf. Oder sie profitieren von dem Zauber der Natascha McElhone, die als Picassos Muse Francoise aus dem Privatleben des Künstlers erzählt. Bei ihrem Anblick fragt sich der Betrachter zurecht: Wer war eigentlich Liv Tyler? In diesen Augenblicken ist Ivorys Ikonenporträt ein Genuß.

Doch genau diese Qualitäten lassen einige seiner Filmbilder vermissen. In erster Linie bedient Ivory das Klischee vom Frauenheld Picasso, und insbesondere, wenn er unbedingt seine übliche Zwei-Stunden-Grenze überschreiten muß, werden die Schwächen des dünnen Drehbuchs deutlich. Durch die Dehnung drohen die Handlungsfäden beinahe zu zerreißen und die Farbtupfer zu verblassen. Etwas kurzsichtig bleibt auch Ivorys geringes Interesse an Picassos Bildern, denn immerhin liebte er es, seine Frauen zu porträtieren, um so dem jeweiligen Stand der Beziehung Ausdruck zu verleihen. Doch wie bereits bei seinem Blick in die New Yorker Künstlerszene (Großstadtsklaven, 1989) interessiert sich Ivory weit mehr für Charaktertypen, ihre Liebeleien und Eskapaden, als für die Kunst. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
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