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Minority Report

USA/GB/D 2002. R: Steven Spielberg. B: Scott Frank, Jon Cohen. K: Janusz Kaminski. S: Michael Kahn. M: John Williams. P: Fox, Amblin Entertainment, Blue Tulip, Cruise-Wagner Productions, Dreamworks SKG. D: Tom Cruise, Colin Farrell, Samantha Morton, Max von Sydow, Luis Smith, Peter Stormare u.a.
145 Min. Fox ab 3.10.02
Von Matthias Grimm Zu Beginn von Minority Report verschwimmen die Logos der Produktionsfirmen Fox und Dreamworks vor den Augen des Zuschauers wie Reflexionen im Wasser. Reflexionen in dem Wunschbrunnen, aus dem die Seher des Films ihre Visionen beziehen. Minority Report, das will Spielberg damit ausdrücken, ist weniger als Film denn als Vision zu verstehen; als Vision einer möglichen Zukunft, so wie sie der Film zum Inhalt hat: Um Visionen von Morden geht es. Morde, die noch nicht geschehen sind und deswegen von einer speziell gegründeten Polizeieinheit verhindert werden können. Die totale Überwachung ist die Konsequenz, die der Film als Thema behandelt, oder besser: das totale Sehen.

Die Seher, und schon die Bezeichnung selbst weist auf diesen Akt hin, durchforschen ununterbrochen die Zukunft nach möglichen Verbrechen, während sie die Realität innerhalb ihres Traumzustandes nicht wahrnehmen. Als eine Seherin diesen Zustand verläßt, ist ihre erste Frage: »Ist dies Jetzt?« Wer die Zukunft sieht und verändert muß erkennen, daß sich Realität nur in Gegenwartsmomenten manifestiert. Doch auch diese Gegenwart unterliegt einem ständigen Sehen und Gesehenwerden durch überall präsente Scanner, welche die Einwohner dieser Zukunft anhand der Retina, dem Sehorgan, identifizieren. Das Auge konstituiert nicht mehr nur die Welt des Individuums, es konstituiert das Individuum selbst innerhalb der Gesellschaft.

Als Tom Cruises Charakter einen Moment in die falsche Richtung sieht, bricht sein Leben zusammen, und als er auf der Flucht seine Identität wechselt, muß er sich erst die Augen herausreißen. Der Mensch ist nur noch Abbild in einer gläsernen Gesellschaft, die ihm gläserne Abbilder auf allgegenwärtigen Bildschirmen zur Seite stellt. Mehr als in A.I. gelingt es Spielberg, den gegenwärtigen technischen Stand glaubhaft in eine nahe Zukunft zu projizieren und vor allem: dies in ein visuelles Gesamtkonzept einzufügen. Zwar ordnet sich Kaminskis Kamera, wie üblich, weitgehend der Geschichte unter, und die Bemühung, so etwas wie einen grobkörnigen Film noir-Stil zu entwickeln, dürfte wohl bestenfalls ein mißglücktes Blade Runner-Zitat darstellen, doch entstehen immer wieder überraschende Einstellungen einer organischen Welt aus Glas und Bildern und den Menschen dazwischen, die wie selbstverständlich mit dem Irrealen verschmelzen.

Diese Welt ist nicht düster wie Ridley Scotts Zukunftsvision, sie ist durchsichtig, und die Frage, die Minority Report stellt, lautet, ob dem Auge in einer durchsichtigen Welt noch getraut werden darf, selbst wenn es in die Zukunft sieht. Sind unsere Taten determiniert? Oder gibt es doch einen freien Willen? Und welche Rolle spielt das Wissen über die Zukunft in dieser kausalen Verkettung? Das sind in etwa die Fragen, die den Film antreiben, und die Antworten, die er findet, fallen bisweilen höchst spannend aus. Das Brillante an dem Skript ist, daß es tatsächlich einen Fall konstruiert, der das perfekte System zu überlisten vermag, das Bedauernswerte ist, daß einige seiner Thesen nur innerhalb der Logik des Films Sinn machen (wenn überhaupt) und so den angestrebten Anspruch auf Allgemeingültigkeit nicht erfüllen können. Fragen unbeantwortet zu lassen ist nicht schlimm; sie aber lapidar zu beantworten, nur um sich aus der Affäre zu ziehen, kann nicht akzeptabel sein. So bleibt Minority Report zurück als eine letztendlich recht löchrige Detektivgeschichte und als Vision dessen, was der Film vielleicht hätte sein können. 1970-01-01 01:00

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