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Moloch

RUS/BRD 1999. R: Aleksandr Sokurov. B: Yuri Arabov. K: Aleksei Fyodorov, Anatoli Rodionov. S: Leda Semyonova. P: Lenfilm/zero film. D: Elena Rufanova, Leonid Mosgovoi, Leonid Sokol, Elena Spiridonova, Vladimir Bogdanov, Anatoli Schwederski u.a.
102 Min. Pegasos ab 11.5.00
Von Norbert M. Schmitz, Michael Windga Eine blonde Schönheit räkelt sich auf einer Bergterrasse im Visier des Bewacherfernglases. Mit »Wegen zur Kraft und Schönheit« läßt Aleksandr Sokurov einen Tag auf dem Berghof verheißungsvoll beginnen. Eva Braun erwartet die Ankunft ihres Geliebten. Hitler kommt, begleitet von seinen Intimi – Josef und Magda Goebbels und seinem devoten Adlatus Michael Bormann – in sein geliebtes Alpendomizil. Im Weiteren verfolgen wir die intrigante Gesellschaft über ihren Ferientag bis ins Intimste von Hitlers Bett.

Aleksandr Sokurov versucht, das schlichtweg Unvorstellbare ins Bild zu bringen, denn die Reise in des Führers Privatbett scheint undenkbar, weil wir uns das »Tausendjährige Reich« noch in Schrecken, Vernichtung und Ekel nur monumental vorstellen können. Ein privater Führer ist uns so fremd wie ihm wohl selbst, dem »Einsamsten der Einsamen«, der in seiner Angst vor dem Banalen und Gewöhnlichen des Menschen zeitlebens in sein eigenes Lebenstheater floh.

Sokurov begibt sich auf eine Gratwanderung über einen Abgrund zwischen trivialem Schlüssellochvoyeurismus und der Faszination des Unwirklichen einer Vita aus der Wagner-Oper. Der Handlungsfaden ist leicht erzählt. Der Tag nimmt eben so seinen Lauf, wie es uns die Höflinge überliefert haben: Ein Wechsel von endlosen Führermonologen bis an den Rand des Absurden, einem Spaziergang in die deutsche Bergwelt und trivialem Gezänk zwischen einem abweisenden Liebhaber und seiner um Gunst buhlenden Geliebten.

Dieses Low Burlesk plätschert ziellos vor sich hin. Denn der Krieg, das erhabene Ziel des »größten Feldherren aller Zeiten« darf – wie der schleimende Bormann schon bei der Ankunft die Anwesenden instruiert – vor dem Ohr des abgespannten Führers nicht Erwähnung finden, und Evas Buhlen um kleines Liebes- und Kinderglück wird von ihrem Verehrer mit sarkastischen Tiraden über würstchenfressende kleine Hitlerbälge beim Sonntagsausflug brüsk niedergemacht. Sokurov läßt seine Darsteller dabei die überlieferten Reden und Gesten bis zur Absurdität ausspielen; einem heillosen Hin und Her, bis daß der Zuschauer selbst das Ende dieser mißglückten Entspannung vom Gang der Weltgeschichte herbeisehnt.

Der Film offenbart eigenartig die ganze Hohlheit des nationalsozialistischen Pathos, indem er dessen eigentliche Leerstelle vor Augen führt: den Alltag jenseits der Aufmärsche und kriegerischen Bewährung. Hitler wollte das Leben durch Inszenierung und Rhetorik zu mythischer Erhabenheit emporheben in ewig glänzende Liturgie jenseits profanen bürgerlichen Alltags. Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet der sanfte Poet einer mythischen kinematographischen Dauer, Aleksandr Sokurov, dessen bekannte spätromantische Zeitbilder auch hier in elegischen Bergpanoramen das banale Geschehen umrahmen, die Kehrseite dieses Ringens um Größe sichtbar machen kann, indem er jene germanische Großästhetik mit ihrem eigenen, ihm nicht unvertrauten Mitteln ins Leere laufen läßt.

Der Religionswissenschaftler Mirca Eliade definierte die mythisch sakrale durch ihren Gegensatz zur profanen Zeit. Genau diese Polarität entbehrt die Instantmythologie des Nationalsozialismus: Der Reichsparteitag schließt das kleine und alltägliche Leben aus. Wo es nicht zu vermeiden ist, gerinnt es zur kleinbürgerlichen Groteske. Urlaub vom »Tausendjährigen Reich« ist selbst seinem Begründer nicht vergönnt. Der Moloch ist wie der von Hitler einst selbst entworfene Berghof die gigantischste Bauernhütte der Welt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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