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My Brother Tom

GB 2001. R,B: Dom Rotheroe. B: Alison Beeton-Hilder. K: Robby Müller. S: David Charap. M: Annabelle Pangborn. P: W.O.W. Production, Trijbits Production, Filmfour. D: Jenna Harrison, Ben Whishaw, Honeysuckle Weeks, Michael Erskine, Adrian Rawlins u.a.
110 Min. Piffl ab 10.10.02
Von Carsten Happe Der eine Moment, dieser Bruchteil einer Szene, in dem die Oberfläche aufreißt, in dem eine neue Welt unter, neben, manchmal sogar über der eigentlichen entsteht – dieser kurze Moment ist es wert, daß manche Geschichten erzählt werden. Nicht die sorgsam ausgedachten Biographien der Charaktere, nicht der hübsch akkurat drapierte Hintergrund, der mitunter wie ein Wandteppich im Bild pappt, schwer und zugestaubt, nein, ein kurzer Moment der Wahrheit, womöglich weit weniger intendiert als all die großen Offenbarungen und Wendungen der Geschichte, wiegt umso mehr und hallt umso länger nach.

Aus einem brennenden Baum stürzt Tom in Jessicas Leben, ein geheimnisvoller Junge, ungleich domestizierter zwar als Truffauts L'enfant sauvage, nichtsdestotrotz roh und ungehobelt und ebenso faszinierend. Auch Jessica ist anders, undurchschaubar und anstrengend, nicht von ungefähr nennen ihre Eltern sie wenig charmant Stressica. Daß die beiden für einander geschaffen sind, erkennt der Zuschauer lange bevor der Film es ihnen zugesteht und lange bevor ihnen eine weitere Parallelität auferlegt wird: Sowohl Tom als auch Jessica sind sexuellem Mißbrauch ausgesetzt; stillschweigend ertragen sie die Demütigungen des Vaters respektive Freundes der Familie, erst in ihrem gemeinsamen Refugium, in ihrem Versteck im Wald entladen sich ihre aufgestauten Aggressionen.

Der Wald bietet den beiden ein zweites Zuhause und dem Film einen dritten Hauptdarsteller, einen organischen Gegenpart zu der bedrückenden Atmosphäre in den Familien, in Schule und Kirche. Kameramann Robby Müller fängt die eindrucksvolle, zuweilen märchenhafte Stimmung des Waldes meisterhaft ein. Trotz digitaler Bildästhetik und fehlender Tiefenschärfe verfügen seine Bilder über eben jene Lebendigkeit und Direktheit, die das Bündnis der beiden verlorenen Teenager bestimmen. Jenna Harrison und Ben Whishaw, die in jedem Augenblick die Zerrissenheit sowie die explodierenden Gefühle ihrer Figuren zu transportieren imstande sind, scheuen sich dabei nicht, selbst extremen Regungen nachzuspüren. Ihr kompromißloses Spiel trägt den Film auch durch manch weitschweifige Sequenz, die dem Regisseur Dom Rotheroe bei seinem Debüt jedoch allemal zugestanden seien.

Schließlich gibt es da ja noch jenen winzigkleinen Moment, der den Unterschied macht und einen neuen Zugang eröffnet. Diesen Moment näher zu beschreiben, würde nur seine Unschuld und Schönheit rauben. Möglicherweise entdecken Sie diesen Moment an ganz anderer Stelle, eines jedoch ist sicher: Er ist da. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.
© 2012, Schnitt Online

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