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Nói Albinói

IS/GB/DK 2003. R,B: Dagur Kári. K: Rasmus Videbaek. S: Daniel Dencik. M: slowbow. P: Essential, M&M Prod., Zik Zak Filmworks u.a. D: Tómas Lemarquis, Throstur Leo Gunnarsson, Elin Hansdóttir, Anna Fridriksdóttir u.a.
93 Min. Neue Visionen ab 13.11.03

Helles Nordlicht

Von Anatol Weber Mit grimmiger Entschlossenheit geraten seit geraumer Zeit die Filme, die ich hier goutiere, und der weltliche Fußballsport aneinander. So kommt just nach der blamablen Leistung der Nationalelf ein viel feineres und herzerwärmendes Beispiel isländisch-deutscher Zusammenarbeit in die Kinos, eine Fortsetzung gärender Zuneigung, die bereits mit Fridrik Thor Fridriksson, der seit längerem in unserem Lande koproduziert, eine kleine erfolgreiche Vergangenheit hat. Vielleicht sind es die verschrobenen Typen, die so eigenen Geschichten und die kompromißlose Art, an den feigen Gesetzmäßigkeiten der teutonischen Kinolandschaft vorbeizudenken, die deutsche Förderer und Produzenten so für Island begeistert. Es kann ja schließlich nicht nur die Mediaquote sein. Und selbst wenn, für Nói Albinói muß man sie alle umarmen, die mitgeholfen haben, daß der Erstling von Dagur Kári, so wie er ist, jetzt in die Kinos kommt.

Geschichten von Verlierern, Ausgestoßenen und Zurückgebliebenen bevölkern zur Zeit die Leinwand, und obwohl es eigentlich keinen Grund gibt, deren Bekanntschaft zu machen, scheint der projizierte Feel Good-Effekt der eigenen Überlegenheit zu gefallen, da diese Figuren doch nur Schablonen und purer Eindimensionalität entsprechen und nicht zum Denken oder gar zum Aufbegehren verführen. Nói dagegen ist anders, sein Aussehen und Auftreten stempeln ihn zum Außenseiter, doch schnell schleichen sich Zweifel ein. Trottel oder Genie oder vielleicht beides, oder eben anders, kein Mensch, der mit dem einfachen Einmaleins der gepflegten Küchenpsychologie zu durchleuchten ist. Er ist Rebell, spätpubertär, Einzelgänger, Anarchist, Kleinkind, Superhirn, gerade 17 Jahre alt und mit dem Makel behaftet, irgendwo im tiefsten Schnee und Eis Islands zwischen Ignoranten und verlorenen Eigenbrödlern zu leben. Jeder Schritt scheint hier vorbestimmt, und diesem Fatalismus treu und trinkfest ergeben, leben diese liebenswert einfallslosen Menschen ihrem vorbestimmten Ende entgegen. Nói hat sich seine Träume bewahrt, und mit Iris, die aus der Stadt in die weiße Einöde gekommen ist, will er den Ort des Stillstandes verlassen. Doch während sein Versuch kläglich im tiefen Schnee steckenbleibt, schlägt sich das Schicksal lawinenhaft auf seine Seite.

Isländische Filme sind nicht geschwätzig und ziehen ihre Kraft vor allem aus der Beobachtung und ihrem eisig-trockenen Humor. Die Figuren sind knorrig, sperrig, eigen und unbiegsam wie die Natur, die sie geschnitzt hat. Dagur Káris Debüt ist zudem von einer einzigartig verzaubernden Atmosphäre geprägt, die in Detailliebe und Ideenvielfalt schon an phantastische Besessenheit grenzt. Selbst die schneebedeckte Einöde erhält durch die Kameraauflösung von Rasmus Videbæk ungeahnte Nuancen, das Setdesign von Jón Steinar Ragnarson scheint die Zeit in den 70ern stehenbleiben zu lassen, und die Kostüme von Linda Arnadóttir und Tanja Dehmel geben den Menschen in diesem Universum die ganz besondere Note, die sie so eigen- und einzigartig macht. So ist Nói Albinói ein Teamfilm, ein Märchen in unserer heutigen Welt und doch wie von einem anderen Eisstern. Und auch ein Wink, daß Europudding das Verfallsdatum längst überschritten hat und ungenießbar ist, diese Gemeinschaftsproduktion aber den Weg in eine reiche Zukunft weist. 1970-01-01 01:00

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