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Das Reich und die Herrlichkeit

The Claim. GB/F/CDN 2000. R: Michael Winterbottom. B: Frank Cottrell Boyce. K: Alwin Küchler. S: Trevor Waite. M: Michael Nyman. P: Revolution. D: Peter Mullan, Milla Jovovich, Nastassja Kinski u.a.
90 Min. Concorde ab 8.11.01
Von Rüdiger Suchsland Schwarz auf Weiß. Manchmal, wenn eine Schneeböe kommt, verwischen die Konturen der Körper vollständig, dann wieder erkennt man, daß es Menschen sind, die da durchs eisige Gebirge ziehen. Die Natur ist groß, der einzelne klein – das mag eine Phrase sein, aber wenn ihr Michael Winterbottom Bilder gibt, dann geht es einem auf einmal ganz nahe.

Das Reich und die Herrlichkeit nach einer Novelle von Thomas Hardy (schon 1996 verfilmte der Brite mit Jude the Obscure einen Hardy-Stoff), ist formal gesehen ein Western, der all die gängigen Genre-Klischees gelegentlich gern anzitiert: Eine Goldgräberstadt, ein Saloon, ein korrupter Marshal und burschikose Huren. »No Firearms« heißt es schon ganz am Anfang, aber die braucht man hier auch gar nicht, denn die Gefühle selbst werden zur Waffe.

An Mut zur Emotion hat es diesem Regisseur noch nie gemangelt, doch diesmal erzählt er davon in Form einer klassischen Tragödie: Vom alten Mann, der ein König ist in seinem selbstgeschaffenen Reich, einen Schrank hat voller Gold, eine schöne Frau, die ihn liebt – und doch fehlt ihm alles. Denn vor Jahren hat er eine andere Frau verkauft, und die eigene Tochter gleich mit. Das war der Teufelspakt, der ihm alles einbrachte, und ihn zugleich alles kostete.

Zwanzig Jahre später tauchen Frau und Tochter wieder auf, und es dauert nur Sekunden, da ist die Welt dieses Mannes aus den Fugen, ein für allemal. Peter Mullan spielt diesen Verdammten, der so mitleiderregend wie kalt ist. Verzweifelt versucht er wieder gutzumachen, was längst irreparabel zerstört ist.

Das Reich und die Herrlichkeit ist so pathetisch und konsequent wie das französische Kino der 60er Jahre – endlich einmal wieder ein Film aus Europa, der von großen Gefühlen erzählt, ohne verquast oder zerquasselt zu sein, der seine Emotionen ernst nimmt, ohne sie zu verkitschen, der den repräsentativen Charakter seines Stoffs herausarbeitet, anstatt sie – wie etwa der diesjährige Berlinale-Gewinner Intimacy von Patrice Chéreau – dann doch im banal Privaten verrinnen zu lassen. Und bei dem Kino darum letztlich auch eine Denkfabrik ist, eine Weise der Erkenntnis der Welt.

Die Geschichte von Das Reich und die Herrlichkeit feiert auch die Pioniere des amerikanischen Westens, ihren Egoismus und ihren promethischen Mut, mit dem sie Städte bauten, Eisenbahnen durchs Gebirge zogen, mit denen Schulen und Kirchen kamen und die in einer Welt ohne Gesetz selbst zum Gesetzgeber wurden. Man darf hier durchaus Parallelen ziehen zur New Economy, ihren jungen Goldgräbern und Schienenbauern, und noch das letzte Bild zeigt die Gier als einzige anthropologische Konstante.

Unübersehbar handelt all das auch ganz tief und ernst vom gegenwärtigen Zustand einer Zivilisation, die ganz auf das Kurzfristige und Gegenwärtige ausgerichtet ist, und das, was gerade zerstört wurde, sofort noch größer und noch schöner wieder aufbaut. Zugleich erzählt der Film auch davon, wie schmal der Grat ist, der solche Charaktere vom Abgrund trennt, wie unsichtbar die Grenze zu dem Punkt, an dem Hope nur noch der Name für ein junges Mädchen ist. Zur Musik von Michael Nyman sieht man elegische, sorgfältig und klug ausgesuchte Bilder: Ein Haus wird durch den Wald gezogen, wie das Schiff in Herzogs Fitzcarraldo, ein Pferd galoppiert brennend davon, Utopie und Apokalypse fallen am Ende in eins.

Zugleich könnte Das Reich und die Herrlichkeit fast ein Schwarzweiß-Film sein, in seinem ständigen Kontrast aus in Dunkel gehüllten Menschen und der Winterlandschaft, die in ihrer zweidimensionalen Blässe auch die schärfsten Konflikte aufzuheben scheint. Glück und vor allem Unglück nehmen beiläufig ihren Lauf. Und das ist, zuallererst, schön. 1970-01-01 01:00

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