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Road to Guantanamo

The Road to Guantanamo. GB 2006. R,B,S: Michael Winterbottom, Mat Whitecross. K: Marcel Zyskind. P: Revolution Films u.a. D: Riz Ahmed, Farhad Harun, Ewan Bailey u.a.
95 Min. Falcom ab 21.9.06

Die Blendung

Von Cornelis Hähnel Der Anschlag auf das World Trade Center wurde stellvertretend zum Sinnbild des modernen Terrors. Trotz der neuen grausamen Qualität des Ereignisses funktionierte die Ausgangssituation des Schreckens nach dem Muster eines konventionellen Krieges: Eine Nation wurde durch das Eindringen eines (unbekannten) Gegners im eigenen Territorium verletzt. Allerdings war es nicht wie bei einem konventionellen Krieg, daß zwei Staaten um ihr Recht kämpften und der Krieg als »Drittes« einer Partei letztendlich das Recht zusprach, sondern der nicht klar erkennbare Feind wurde zu einer Unsicherheit, einer Angst. Diese im Terrorismus implizierte Verweigerung des Wissens ob eines konkreten Gegners führte zu panikartigen Generalverdächtigungen gerade gegenüber Personen muslimischen Glaubens. Die Suche nach und vor allen Dingen das Finden von einem personifizierten Feind schien das Novokain für den verletzten Stolz einer Nation zu sein, auch wenn es entlastenden Fakten zuwider ging. Das Camp X-Ray im kubanischen Guantanamo Bay, mit seinen offenen Käfigzellen wurde so zum Symbol für den fehlgeleiteten Versuch, den Hoheitsanspruch wiederherzustellen, und für einen mehr als zweifelhaften Umgang mit humanistischen Werten.

The Road to Guantanamo basiert auf den Erlebnissen vier junger Briten, die im Herbst 2001 ihre Heimatstadt Tipton verließen, um in Pakistan an einer Hochzeit teilzunehmen und dort Urlaub zu machen. Ruhel, Asif, Shafiq und Monir, die zu dieser Zeit zwischen 19 und 23 Jahre alt waren, trafen in Karachi die Entscheidung, nach Afghanistan zu fahren und dort humanitäre Hilfe zu leisten. Für umgerechnet weniger als 4 Euro begeben sie sich auf die Fahrt nach Kandahar, zuerst mit dem Bus, später mit einem Taxi. Bei ihrer Ankunft fallen, noch entfernt, die ersten US-Bomben. Auf dem letzten Teil der Reise in die Hauptstadt Kabul erkrankt Asif, die Verständigung fällt den jungen Männern schwer, sie beschließen, so schnell wie möglich nach Pakistan zurückzukehren. Sie bezahlen einen Mittelmann, der sie mit einem Minibus über die Grenze bringen soll, doch stattdessen fährt man sie in die Taliban-Hochburg in Kunduz, wo sie von der Nordallianz verhaftet und vorerst in einem Gefängnis in Sheberghan festgehalten werden. Dort verliert sich Monirs Spur. Die anderen drei werden den Amerikanern übergeben und zunächst wieder nach Kandahar ausgeflogen, um dann weiter nach Guantanamo Bay gebracht zu werden. Asif, Shafiq und Ruhel werden dort über zwei Jahre unschuldig festgehalten.

Michael Winterbottoms Œuvre reicht von Komödien über Science Fiction bis zur Dokumentation, aber trotz (oder gerade wegen) der Themenvielfalt ist er einer der wenigen Regisseure, die konsequent mit jedem Film eine klare Position beziehen. Nach In this World, für den er den Goldenen Bären auf der Berlinale 2003 erhielt, ist The Road to Guantanamo (heuer ebenfalls beim selbigen Festival mit einem Silbernen Bären für die beste Regie bedacht) erneut ein eindringliches und explizites Statement, das über einen bloßen politischen Kommentar hinausgeht. Zusammen mit Koregisseur Mat Whitecross, mit dem er schon bei 9 Songs und Code 46 zusammenarbeitete, erzählt er die Geschichte der jungen Briten (von deren Schicksal er aus den Medien erfahren hatte) aus ihrem Blickwinkel und in ihren eigenen Worten.

Gedreht wurde in Pakistan, Iran und Afghanistan, die nachgestellten Szenen werden dabei unterbrochen von Interviewsequenzen mit den drei Betroffenen. Daraus entsteht auch die eigentliche Faszination des Films: daß er den jungen Männern Raum gibt, ihre Geschichte zu erzählen. Denn thematisch birgt der Film keine neuen Erkenntnisse, die Gewißheit, daß es sich bei Guantanamo um einen so gut wie rechtsfreien Raum handelt, hatte man schon vorher, dies ist keine Information mehr, die den Zuschauer verstören und bewegen könnte. Vielmehr ist es erschreckend zu sehen, wie groß die Kluft zwischen dem konstruierten Bild der Bedrohung, der vermeintlichen Terroristen und der realen Personen ist. Und gerade durch die Nähe zu seinen Protagonisten wird der Film nicht zu einer plumpen Anprangerung, sondern zeigt die enorme Reichweite eines gefährlichen und willkürlichen Systems, das mit dem Verlangen, Menschen zu brechen, versucht, eine Art »Gleichgewicht« herzustellen und sich dabei selbst blendet. Winterbottom und Whitecross ist es dabei gelungen, nicht nur einen politischen, sondern auch einen zutiefst privaten Film zu drehen, der gerade durch seine Intimität einen durchdringenden Blick auf ein öffentliches Thema erlaubt. 1970-01-01 01:00

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